Laudatio Prof. Dr. Manfred Funke
Sehr verehrte Frau Oberbürgermeisterin,
hochverehrte Frau Kronauer, lieber verehrter Herr Kronauer
meine Damen und Herren.
Im Strahlungsfeld des Ersten Weltkriegs stimmte nach 1918 kein Kompass mehr,
der verlässliche Orientierung im Zeitalter der entwurzelten und nach Sicherheit
hungernden Massen bot. Die Geisteskultur, die Politik und Ökonomie waren
im tiefsten Misstrauen gegen sich selber zerworfen: Weder galten die bisherigen
Standards von Christentum und Aufklärung ungebrochen fort noch die Fortschrittsverheißungen
der Französischen Revolution. Marx, Kierkegaard und Nietzsche stehen für
die Radikalkritik an der bürgerlichen Lebenswelt ebenso wie für die
Zerstoßung aller Heilsentwürfe. Was blieb? Was war sicher? Was verlässlich?
Nach der Erfahrung zerplatzter Systeme reduzierte sich Vertrauenssuche auf
letzte Verlässlichkeit, d.h. auf überprüfbare Eigenstärke,
auf die Macht, deren Qualität sich am Gegner, am Feind, am Fremden bewies.
Im Bekenntnis zum eigenen Land, zum eigenen Volk, zur Autorität des élan
vital, zur Rasse und zum zur Führung berufenen Blutadel wuchsen die materiellen
Depots und geistigen Arsenale bewährungswütiger Freund-Feind-Verhältnisse.
Einheit nach innen als Stärke nach außen wurde zur kontraktiven
nationalistischen Heilslehre als Antwort auf die Provokation des universalistischen
Sozialismus. Dieser legitimierte den neuen Menschen aus dem Ende aller Klassenkämpfe,
während Faschismus und Nazismus das Künftige nicht aus dem Neuen,
sondern aus dem Ewigen rechtfertigten - aus dem fortdauernden Kampf um Hegemonie
unter ständiger Optimierung des modernsten Technologieeinsatzes. Die Selbstvergötterung
im völkischen Mythos hier und die Klassenkampfutopie dort paarten sich
mit Maschinenanbeterei zur Duell-Beziehung von Rechts- und Linksextremismus
versus Liberalismus. In diesen Spannungslagen wirkte das intellektuelle Judentum
als Ferment der Komplexität, Differenz und Selektion im verdeckten, dann
offenen europäischen Bürgerkrieg der Großideologien.
Hinausgegangen aus dem Glauben Moses`, nahmen Juden die Inbrunst einstiger
religiöser Nationalität mit hinüber über die Dornenhecke,
die sie, wie Heinrich Heine sagt, gegen die Nachbarvölker gepflanzt hatten
und investierten diese Inbrunst in die Hoffnungen auf Emanzipation und neue
Heimat. Doch aus dem alten Bund ausgeschieden, in der Bürgergesellschaft
nach der Aufklärung selten aufgenommen, nirgends recht willkommen geheißen,
mussten sie in die Nachweiskraft ihrer ernsten Absicht alle revolutionären
Energien einbringen. So waren, wie bei Ernst Nolte nachzulesen ist, unter Lenins
10köpfiger Schar, die den Putsch zum Roten Oktober 1917 beschloss, 6 Männer
jüdischer Herkunft. Der V-Mann des Münchner Wehrkreises, Adolf Hitler,
machte als geistige Köpfe der Räterepublik die Juden Mühsam,
Landauer, Levin, Leviné, Axelrod und Eisner aus. Weiter heißt
es in Hitlers Aufzeichnung vom 13.11.1919: Wer hat den schändlichen Waffenstillstand
unterzeichnet: der Jude Erzberger. Wer ist verantwortlich für den Spartakistenaufstand
in Berlin: die Juden Liebknecht, Luxemburg und Radek.
Feindbilder festigten sich an selektierter Wirklichkeit und totalisierten diese
zugleich. Frankreich etwa, damals politisch gespalten in links und rechts,
wie nur wenige andere Staaten, erlebte in den 30er Jahren einen Aufschwung
sowohl des Rassismus als auch entgegengesetzter Bewegungen. In den 20er Jahren
hatte man die beträchtlichen Zuwandererströme aus Polen, Algerien
und anderen Ländern noch begrüßt, nämlich als Möglichkeit,
die Geburtenzahl hochzutreiben. Aber in den Dreißigern wuchs die Ausländerfeindlichkeit,
und auf großen Demonstrationen, an denen auch der junge Francois Mitterand
teilnahm, wurde die Ausweisung der Neuankömmlinge gefordert.
Besonders krass verlief die Entwicklung in Polen. Das Land wollte 1938 seine
im Ausland lebenden jüdischen Staatsangehörigen nicht mehr ins eigene
Land zurücklassen. Davon waren im Herbst 1938 17.000 betroffen, die im
Grenzbereich zu Deutschland von beiden Regierungen hin und her geschoben wurden.
Herschel Grünspan lenkte das Interesse der Welt mit seinem Attentat auf
den deutschen Diplomaten Ernst von Rath in Paris auf diese Tragödie. Daraus
erwuchs eine noch größere Tragödie, indem die Nazis als Racheakt
für den getöteten von Rath den Judenpogrom vom 9.11.1938 auslösten.
Die Weigerung der meisten Staaten auf der Konferenz von Evian im selben Jahr,
Juden aus Deutschland bei sich aufzunehmen, war ein Signal, das die Radikalisierung
deutscher Judenpolitik ermöglichte.
Es waren ebenfalls die Westmächte, die sich dem Antrag Japans verweigerten,
in die Satzung des Völkerbundes das heute Selbstverständliche aufzunehmen,
dass alle Menschen gleich sind und keine Unterschiede der Rasse und Religion
in nachteiliger Weise gelten dürfen.
Es sind auch die Westmächte, die, um Kontergewichte gegen Deutschland
zu schaffen, nach dem Ersten Weltkrieg neue Staaten gründen, in denen
Minderheiten zum Pulverfass werden und alles durch nationalistisches Großtun
durchwildert wird. Polen träumt von einem Reich zwischen Ostsee und Adria
und selbst Rumänien will Großrumänien werden vor allem auf
Kosten Ungarns.
Tatsache ist, dass Mitte der dreißiger Jahre, von den skandinavischen
Ländern einmal abgesehen, der Liberalismus im größten Teil
Europas erschöpft wirkte. Die organisierte Linke war zerschlagen, und
Kämpfe um Ideologie und Regierungsform fanden nur noch innerhalb der Rechten
statt - zwischen Anhängern des autoritären Staates, traditionellen
Konservativen, Technokraten und radikalen Rechtsextremisten. Nur in Frankreich
dauerte der Bürgerkrieg zwischen links und rechts während der gesamtem
dreißiger Jahre fort, bis dieser schließlich durch das Vichy-Regime
erstickt wurde. Auch in Österreich war es zuvor, wenngleich nur kurz,
1934, zu einem Bürgerkrieg gekommen. In Spanien dauerte er von 1936 bis
1939, bevor er mit einem Triumph der Rechten endete. In Italien, Mitteleuropa
und auf dem Balkan herrschte unangefochten die politische Rechte. Dabei gab
es zwischen den Regimen große Unterschiede, angefangen bei der Diktatur
König Carlos in Rumänien, über die Militärs, die Spanien,
Griechenland und Ungarn beherrschten, bis zu den Einparteienstaaten Deutschland
und Italien.
Die Jahre zwischen den Kriegen sind surrende Schleifsteine, an denen die Ideologien
ihre todbringenden Sensen schärfen. Und in vielen Staaten Europas spielt
die Irrlichterei der NS-Ideen eine größere Rolle als uns heute lieb
ist, konstatiert der britisch-polnische Historiker Mark Mazower. Er betitelt
sein neues, aufsehenerregendes Buch über Europa im 20. Jahrhundert als “Der
dunkle Kontinent”. In der Tat! Die Verwüstungen des Geistes, das
große Ringen erlaubt allen alles: Sinowjev, auf den Ernst Nolte verweist,
spricht in Petrograd aus, dass von 100 Mio. Einwohnern der UdSSR 90 Mio. erziehbar
wären, der Rest sei zu liquidieren. Hitler will mit dem Judentum den Bolschewismus
ausrotten und aus Slawen Sklaven machen. Churchill äußert, dass
von den bösartigen 70 Mio. Deutschen (“Hunnen”) einige heilbar
seien, der Rest gehöre vernichtet. Aus totalitären Ideologien rechtfertigt
sich totaler Krieg, der Europa im Fieber schüttelt, das die NS-Politik
katharsisgleich hochtreibt, aber kumulativ verursacht war.
Die Anamnese dieses Fiebers verweist wiederum auf präfaschistische Potenzen,
mit denen Frankreich ein Jahrhundert später auf die eigene Revolution
von 1789 geantwortet hat, verweist auf den Ersten Weltkrieg als Deklassierung
des Menschen zur granatsplitterverbackenen Amöbe, verweist auf Mussolinis
Marsch auf Rom, jetzt im Oktober vor 78 Jahren.
Dieses konvulsive Beben Europas mit seinen bis zum Tenno-Faschismus reichenden
Ausläufern, bis zu den japanischen Massakern in Nanking, bis zum zigtausendfachen
Mord an den Äthiopiern durch Gas, den italienischen Faschisten 1935/36
begingen, hat Ernst Noltes große Tetralogie seismografisch aufgezeichnet,
wenn auch zuweilen mit noch letzter Eindeutigkeit bedürftigen Chiffren.
Menschenverhalten unter Kriegsbedingungen aus dem Lehnstuhl heutiger Moralität
zu analysieren, ist höchste Herausforderung, zumal es um Verständnis
und Verständigung ohne Einverständnis gehen muss.
An eine solche Entzifferung des Lebenswerkes Ernst Noltes, an eine Verdolmetschung
der mächtigen geistigen Prägekräfte der vergangenen Jahrzehnte
hat sich unser Preisträger, der junge Zeithistoriker und Politologe Volker
Kronenberg, mit großem Erfolg herangewagt. Das Labyrinth der Wechselwirkungen
der totalitären Großideologien, der sich aufheizenden Dynamik und
revitalisierten Archaik im Wandlungsverbund der Moderne hat Kronenberg in einer
Systematik ausgeleuchtet, die schon heute als zentraler Beitrag zur politischen
Geistesgeschichte Europas angesehen werden kann. Kronenberg vermochte es, die
große Bühne des europäischen Weltgeschehens zu erhellen, ohne
dabei aus Liebedienerei gegenüber dem obwaltenden Zeitgeist bestimmte
Scheinwerfer der Wahrheitssuche auszuschalten, abzudämpfen oder von uns
selbst wegzudrehen. Kronenberg imitiert nicht wohlfeil mit heute üblicher
Geschmeidigkeit die Geschichtskonstrukte singulärer deutscher Perfidie,
sondern er stellt mit seiner geschichtsphilosophischen Analyse dieses Treibhaus
des rassistischen Expansionismus in das europäische Großklima, das
dieses Treibhaus ermöglichte, und in dem sich dann der brutalste Machtkampf
um Europa zur Zirkelstruktur deutscher Selbstvernichtung verselbständigen
sollte. Aber zur Wiedergenesung bedürfen nicht nur wir Deutschen der geistigen
Neuordnung im geeinten Europa. An Demokratie, Freiheit, Menschenrechten und
Menschenwürde ist die Geschichte des ganzen Europa in diesem Jahrhundert
zu messen.
Diese Prozesse zu durchdringen, bleibt unsere weitere Aufgabe. Ernst Nolte
(er wie ich kommen aus dem Ruhrpott, deshalb das Sprachbild) hat das Grubenfeld
der Erforschung des deutschen 20. Jahrhunderts abgemessen, seine Verwerfungen
verzeichnet, Einstiegsschächte markiert, auf noch nicht genau geortete
Gasblasen und Schlagwetter verwiesen und wie ein Geometer die Punkte fixiert,
von denen aus die Erschließung weiterer Wissenslager sinnvoll erscheint.
Volker Kronenberg ist dieser Kartographie der europäischen Kulturkrise
nachgegangen und hat mit seiner Dissertation einen mächtigen Stollenvortrieb
geleistet, der sich mit weiteren verbinden wird.
Nur durch die Erforschung der Gründe und Abgründe, auf denen und über
denen wir stehen, gelangen wir durch radikales Fragen zum besseren Wissen über
uns als selbstkritischer Vertrauensmacht. Dieser Vertrauensmacht bedarf Deutschland
heute dringlicher denn je. Näheres dazu habe ich in meinem Prolog zu Kronenbergs
Buch gesagt.
Die Stärkung des Geistes wider den Zeitgeist findet in der heutigen Verleihung
eines jungen Preises an einen jungen Wissenschaftler hohe Ermutigung, die mich
optimistisch stimmt und für die ich von Berufs wegen und persönlich,
vor allem aber als Bürger dieser Bundesrepublik sehr dankbar bin. In dieser
Form des Mäzenatentums dokumentiert sich der Geistesadel der Stifter,
die Noblesse jener Selbstverständlichkeit, an der es bei uns heute so
mangelt: Jener Selbstver- ständlichkeit, dass der Stifter weiß,
dass nur seine erfolgreiche Anstrengung im ökonomischen Wettbewerb die
Freiheit zur sozialen Würde als Gestaltungskraft praktischer sozialer
Verantwortung befähigt. Sie besteht heute leider besonders in der Abbildung
von Defiziten: Wenn sich heute etwa deutsche Identität nur aus “Europa” und
aus “Auschwitz” ableiten soll, kann das Ausland bloß misstrauisch
reagieren, weil das für unsere Nachbarn Selbstverständliche in Deutschland
durch Verlegenheiten ersetzt wird. Damit bekäme unsere künftige Politik,
und Politik ist nichts anderes als Geschichte in Aktion, als Fundament eine
Dauer-Neurose, das heißt ein Leben in der unüberbrückbaren
Zerklüftung von Wunsch und Wirklichkeit. Auf diese Neurotisierung durch
volkspädagogisch ausgemünzte Geschichtsgenetik haben Nolte und Kronenberg
warnend verwiesen.
Volker Kronenberg hat mit geradem Sinn dokumentiert, dass der Historiker sich
nicht von moralischen Wünschbarkeiten in seiner Ergebnisfindung vorab
bestimmen lassen darf, sondern von der Distanz des Anatomen in der forensischen
Medizin geleitet sein sollte, um über Fakten und Strukturen zur Anschaulichkeit
des Wirklichen und damit Wahrhaftigen zu gelangen. Dass dabei nach der Erträglichkeit
des Leidens an den Pathologien des Politischen am Ende förmlich gefahndet
wird, erschließt sich in Kronenbergs Anatomie unseres Zeitalters aus
der Zueignung des Buches. Kronenberg hat sein Werk einem jüdischen Kind
gewidmet, das die Nazis nicht alt werden ließen.
Die Zeitvorgabe beendet hier meine kleine historische Skizze und Wegbeschreibung
zum Werk des Preisträgers. Persönlichkeit und Charisma verbinden
Kronenberg mit Nolte und beide mit Frau und Herrn Kronauer in besonderer und
je eigener Weise. Kronauers großmütige und großherzige Stiftungsarbeit
hat mit der heutigen Preisverleihung einen glücklichen, weil werkbeständigen
Auftakt genommen.
Ihr Bundesverdienstkreuz, verehrter Herr Kronauer, strahlt heute besonders
hell. Vielleicht reflektiert es unseren Stolz, unseren Dank, unsere Freude,
unsere Ermutigung, die wir Bonner heute in Schweinfurt empfinden und empfangen.
Alles wird aufgehoben in neuer Selbstverpflichtung zu selbstkritischer und
kritischer Wissenschaft, damit Trauerarbeit nicht in Entrüstung oder Posen
stockt, sondern zum Wort findet.