Tischrede Prof. em. Dr. Ernst Nolte
Meine Damen und Herren,
gestatten Sie mir bitte, ein paar Worte zu der heutigen Festveranstaltung zu
sagen, die zunächst nur indirekt auf das Buch von Herrn Dr. Kronenberg
Bezug nehmen und die dann immer unzweideutiger darauf zuführen sollen.
Ich bin manchmal gebeten worden, in einigen Sätzen zu erklären, worin
der Kern meiner Konzeption besteht und weshalb sie so häufig und heftig
angegriffen worden ist. Ich will hier den Versuch machen, indem ich einen konkreten
und aktuellen Ausgangspunkt wähle.
Vor kurzem habe ich mit meiner Frau eine Reise durch die baltischen Staaten
gemacht. In Riga haben wir das “Lettische Museum der Okkupation” besucht,
das zahlreiche Exponate und Fotografien aus dem “Jahr des Grauens” enthält,
wie die Letten die zwölf Monate der ersten sowjetischen Besetzung vom
Juni 1940 bis zum Juni 1941 nennen. Wenig später sagte unsere lettische
Reise- leiterin zu mir: “Man hat uns in Deutschland schreckliche Bilder
von Deportationen und Konzentrationslagern gezeigt. Aber wir haben erwidert: “Das
kennen wir doch schon; so etwas haben wir in unserer Heimat oft dargestellt
gesehen, aber es fand auf der anderen Seite der Grenze statt.” Und ich
muss bekennen:
Angesichts der Erinnerungsstücke und der Fotos aus dem “Gulag”,
die in dem Museum zu sehen waren, habe ich viel Verständnis für jene
Zehntausende von lettischen, estnischen und litauischen Männern, die unter
allen Umständen eine Wiederkehr des “Jahr des Grauens” verhindern
wollten und an der Seite der deutschen Truppen gegen “den Bolschewismus” kämpften.
Sie verstanden sich offenbar nicht als Kollaborateure einer fremden Macht,
sondern als Mitwirkende in einem übernationalen “europäischen
Bürgerkrieg”. Eben dieser Begriff schließt eins meiner Grundkonzepte
ein, wie es in dem Titel des Buches von 1987 zum Vorschein kommt.
Ich finde die Bedenken verständlich und sogar den Hass verstehbar, der
dieser Konzeption seit vielen Jahren entgegenschlägt. Wird dadurch nicht
der Nationalsozialismus als Faktor einer weltgeschichtlichen Auseinandersetzung
begreiflich gemacht, ja möglicherweise gerechtfertigt? Sollen etwa die
Deutschen dazu veranlasst werden, sich mit Stolz dieses Bürgerkrieges
zu erinnern, wenngleich nicht aller seiner Erscheinungsformen?
Aber die Kritiker übersehen, dass mit jener These das Nachdenken erst
anfängt. Kurz und grob verkürzt gesagt: Unter dem Befehl Adolf Hitlers
führten die Deutschen diesen “Bürgerkrieg” nicht auf
generös-europäische, sondern auf radikal-nationalstaatliche Weise,
und dadurch luden sie in ihrer Mehrheit schwere Schuld auf sich, nicht zuletzt
gegenüber den Freiwilligen aus den Baltenländern.
Noch viel schuldiger wurden zwar nicht “die Deutschen”, wohl aber
die wenigen genuinen Ideologen wie Hitler und die Männer seiner Umgebung,
welche auf die kommunistische “Klassenvernichtung” mit einer “Rassenvernichtung” antworte-
ten, die aus partiell Mitwirkenden universale “Urheber” machten.
Es war eine Tragödie, dass zu den Ausführenden auch ein Teil jener
Freiwilligen gehörte. Noch in diesem Äußersten kam indessen
auf grässlich-verzerrte Weise eine authentische, auch heute ungelöste
Frage zum Vorschein, nämlich die Frage nach dem Verhältnis zwischen
dem Universalen und dem Partikularen im Zeitalter der “Planetarisierung”.
Die Dinge sind also kompliziert, und ich wundere mich nicht, dass die Kritiker
einzelne Thesen für das Ganze nehmen. Andererseits sind sie jedoch trotz
aller Kompliziertheit im Grunde einfach, und es bedurfte nicht so sehr intellektueller
Mühen als moralischen Mutes, um sie beim Namen zu nennen.
Auch Herr Kronenberg musste allem anderen zuvor Mut an den Tag legen. Schon
die Anfänge seiner Arbeit drohten an dem Befremden bzw. der Feindseligkeit
der übrigen Seminarteilnehmer zu scheitern. Aber er hat sich durchgesetzt
und mit der Publikation seines Buches ein gutes Ende herbeigeführt.
Dieses Buch befasst sich so gründlich mit meinem Werk, dass ich gar nicht
ganz selten Sätze las, die mir nicht mehr präsent waren und die zum
Teil aus unpublizierten Arbeiten stammen, welche bald ein halbes Jahrhundert
zurück- liegen. Vor allem jedoch hat Herr Kronenberg eine solche Fülle
von einschlägiger Literatur verarbeitet, dass ich bei der Lektüre
manchesmal auszurufen geneigt war: “Donnerwetter; ich wusste gar nicht,
dass ich so viele Mitdenker hatte und in einem so breiten Strome schwamm.”
Aber Herr Kronenberg musste leider schon längst seinen Mut zur Tapferkeit
des Ertragens verlängern. Sein Buch ist nämlich bis heute, von der
rühmlichen Ausnahme des “Rheinischen Merkur” abgesehen, von
keiner der überregionalen Zeitungen besprochen worden. Hier und da, z.B.
bei der FAZ, hält man eine vermutlich ausgezeichnete Rezension zurück,
anderswo liegt offensichtlich die Absicht des Boykotts vor. Ich will dazu nur
einen Satz sagen: Wenn die Verantwortlichen direkt oder indirekt am ‘Historikerstreit’ teilgenommen
haben, so müssten sie bei der Lektüre dieser Dissertation schamrot
werden, und hier dürfte der tiefste Grund ihres Verhaltens zu finden sein.
Ich erhebe mein Glas zum Wohle von Herrn Kronenberg in Anerkennung seines moralischen
Mutes, seiner intellektuellen Leistung und seiner Tapferkeit im Ertragen offenkundigen
Unrechts. Aber ich trinke auch zu Ehren unseres vielkritisierten sozialen Systems,
welches es immerhin möglich macht, dass aus privater Initiative ein solches
Unrecht ausgeglichen werden kann, und daher bitte ich Sie, zugleich auf die
Gesundheit der Stifter dieses Preises Ihr Glas zu erheben, des Ehepaares Erich
und Erna Kronauer.