Grußwort von Gudrun Grieser, Oberbürgermeisterin der Stadt Schweinfurt
Meine
sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste,
nur als Hausherrin, nicht als Gastgeberin oder gar als Verleiherin des Historiker-Preises
begrüße ich Sie alle sehr herzlich im Rathaus der Stadt Schweinfurt.
Natürlich begrüße ich an erster Stelle Herrn Erich und Frau
Erna Kronauer, Bürger der Stadt, Stiftungsgeber und Initiatoren des Historiker-Preises.
Mein nächster, ebenso herzlicher Gruß gilt dem Mann, der heute im
Mittelpunkt des Geschehens steht, Herrn Dr. Bogdan Musial, Preisträger
des zweiten Historiker-Preises, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen
Historischen Instituts Warschau.
Schließlich begrüße ich namentlich noch Herrn Prof. Dr. Hans-Adolf
Jacobsen, Professor für Politische Wissenschaften an der Universität
Bonn, Mitglied der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.
Alle anderen Gäste, vor allem auch den ersten Preisträger aus dem
Jahre 2000, schließe ich herzlich in meine Begrüßung ein.
Die Stadt Schweinfurt freut sich darüber, dass die ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG
ihre Preisverleihung wieder im Rathaus vornimmt. Ich wünsche mir, dass
daraus eine lange Tradition erwachsen möge und dieser Preis dadurch eng
an den Namen Schweinfurt gebunden wird.
Erstmals wurde er im Jahre 2000 verliehen - sozusagen mit dem Beginn des neuen
Jahrhunderts (wenngleich dies kalendarisch nicht korrekt ist). Das war natürlich
ein Zufall, aber doch ein sehr passender Zufall. Denn dieser Historiker-Preis
gilt der Aufarbeitung des Wechselverhältnisses der beiden großen
Totalitarismen des zu Ende gegangenen 20. Jahrhunderts. Der zeitliche Abstand
ist nunmehr groß genug - ein halbes Jahrhundert - , daß ernsthafte
historische Aussagen zu dieser Thematik getroffen werden können.
Bereits bei der ersten Preisverleihung im vergangenen Jahr habe ich darauf
hingewiesen, dass der Historiker-Preis der ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG
zu den großen Preisen in und aus der Stadt Schweinfurt zählt. Von
seiner Zielsetzung her ist er einzigartig.
Die beiden großen Preise der Stadt Schweinfurt - der Carus-Preis und
der Rückert-Preis - stehen nämlich eher im Zusammenhang mit der Stadtgeschichte.
Der Große Preis der Kugelfischer-Stiftung gilt der Innovation um das
Wälzlager und damit auch einem Stück Schweinfurt. Aber einen Preis,
der von Schweinfurt aus die nationale und internationale Geschichtsforschung
begleitet und fördert, gab es bislang nicht. Einen solchen Preis gibt
es auch in den wenigsten Städten. So hebt der Historiker-Preis unsere
Stadt in gewisser Weise heraus.
Damit kommt der Historiker-Preis unseren Bemühungen entgegen, Schweinfurt
im Feld der deutschen Städte neu zu positionieren. Die Ereignisse der
letzten zehn Jahre waren eher geeignet, darauf aufmerksam zu machen, dass aus
Schweinfurt hochwertige Industrieprodukte kommen. Spätestens seit der
Eröffnung des Museum Georg Schäfer nimmt man bundesweit zur Kenntnis,
dass in Schweinfurt auch kulturelle Güter von großer Ausstrahlung
beheimatet sind. Der Historiker-Preis verstärkt diesen angestrebten Imagewandel.
Ich wünsche mir, dass er auch die Schweinfurter selbst dazu anregt, neben
den wirtschaftlich-technischen auch die geisteswissenschaftlichen und geistigen
Facetten in unserem städtischen Selbstverständnis aufzupolieren.
Das 350-jährige Gründungsjubiläum der Leopoldina, der ältesten
naturwissenschaftlichen Akademie im deutschen Raum, das wir im kommenden Jahr
feiern, könnte in diesem Sinne einen weiteren Schub bringen.
Meine Damen und Herren, ich komme auf den heutigen Anlass zurück. Erlauben
Sie mir abschließend noch die Frage zu stellen, ob der Historiker-Preis
darüber hinaus - nicht nur, weil er Schweinfurt gut tut - gebraucht wird.
Ich meine, ja, er wird dringend gebraucht.
Er wird gebraucht, aber nicht etwa deswegen, weil durch eine genauere Inaugenscheinnahme
des Bolschewismus die Gräuel des NS-Regimes „relativiert“ werden
sollen. In diesem Zusammenhang müssen Stichworte fallen wie „Historikerstreit“ oder „Wehrmachtausstellung“,
zu der Herr Musial ja eine spezielle Beziehung hat.
Der Preis wird gebraucht einfach deswegen, weil es meines Erachtens höchste
Zeit ist zu akzeptieren, daß die historische Korrektheit - und nicht
die political correctness - unser Weltbild und die öffentliche Meinung
und damit auch die Politik bestimmen muss.
Wenn uns das nicht gelingt, laufen wir Gefahr, ein Volk mit partiellem Gedächtnisverlust
zu werden.
Was meine ich damit?
Unser geschichtliches Gedächtnis als Volk bewahrt uns - Gott sei Dank
- davor, rechtsextremes Gedankengut wieder auf breiter Front gesellschaftsfähig
werden zu lassen. Warum gelingt uns dies nicht in gleicher Weise im linksextremen
Bereich, wo schon wenige Jahre nach dem Fall der Mauer eine einfache Namensänderung
genügte, um eine bis dahin durchaus totalitäre kommunistische Partei
wieder regierungsfähig zu machen?
Ich denke, es gibt noch sehr vieles nicht zu „relativieren“, sehr
wohl aber zu objektivieren.
Dass uns ein Preisträger, der aus Polen stammt, bei dieser Arbeit ein
Stück hilft, kann ein wertvoller Beitrag sein zur Begründung eines
dauerhaften gutnachbarlichen Verhältnisses unserer beiden Völker
und Länder.
Ich gratuliere Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Musial, von Herzen zu diesem Preis
und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg.
Der ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG wünsche ich auch künftig eine
glückliche Hand bei der Auswahl ihrer Preisträger.