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Dankrede
PD Dr. Friedrich Pohlmann  Das Fremde und das Eigene - Vom Umgang mit der deutschen
Geschichte im Zeitalter des Totalitarismus
Als ich vor gut 15 Jahren begann, mich intensiver mit dem Nationalsozialismus
zu befassen, waren mir weder meine tieferen Motive dafür bewußt
noch die Wege, die ich dabei beschreiten würde. Stark durch die
Klassiker der Soziologie - Marx, Weber und Simmel - geprägt, schwebte
mir vage die Intention einer Verortung des Nationalsozialismus, über
den ich bis dato auch an der Universität noch nichts von Belang
gelernt hatte, im politisch-sozialen und ideologischen Gefüge
der europäischen Entwicklung vor, innerhalb dessen, was Max Weber “okzidentalen
Rationalismus” genannt hat. Das war stark beeinflußt durch
theoretische Bezüge, die sich bei Hannah Arendt und Ernst Nolte
und - eher indirekt - bei Max Weber und meinem Lehrer Heinrich Popitz
fanden. Fast gegen den eigenen Willen wurde ich dann aber in eine längere
-und lange schockhaft - erfahrene Auseinandersetzung mit Details des
nationalsozialistischen Terrorsystems hineinverwickelt, und als daraus
eine Veröffentlichung entstanden war, lag mir nichts mehr an der
ursprünglichen Intention und einer weiteren Beschäftigung
mit dem Thema. Von bestimmten Themen kann man sich aber nicht so einfach
entfernen. Sie eilen uns nach, holen uns ein und fordern eine erneute
Zuwendung zu ihnen. Derartiges kann öfter passieren, und dann
wird man jedesmal anderer Seiten und Bezüge gewahr, aus denen
sich möglicherweise
ein Gesamtbild zusammenfügt, das mit unserer ursprünglichen
Deutung kaum noch Ähnlichkeit hat. Was diese Wiederzuwendungen
auslöst,
ist vielfältig, aber in meinem Fall war das nur zum geringsten
Teil die nur aus der Entfernungsperspektive mögliche Wahrnehmung
rein intellektueller Dissonanzen, sondern der mächtige Anstoß der
Wirklichkeit und die fortdauernde untergründige Wirksamkeit bestimmter
Grundemotionen. Der mächtige Anstoß der Wirklichkeit war
die Zeitenwende 1989. Die radikale Verwandlung des europäischen
und weltpolitischen Gefüges und die vielen neuen Stimmen, die
dadurch plötzlich hörbar wurden, lenkten den Blick notwendigerweise
auf die 70-jährige Wirklichkeit des kommunistischen Systems, das
gerade zusammengebrochen war, und dabei wurde mehr und mehr unabweisbar,
daß Nationalsozialismus und Kommunismus nicht nur - wie es die
traditionelle Totalitarismustheorie gezeigt hatte - bedeutende formal-strukturelle Ähnlichkeiten
miteinander hatten, sondern daß beide Totalitarismen über
ihren radikalfeindlichen Antagonismus auch realiter engstens miteinander
verzahnt waren. Auch galt es, die ideologischen Voraussetzungen für
beide - vor allem Marx und den Marxismus und dessen Transformation
durch Lenin und die Schlüsselstellung der französischen Revolution
für beide Antagonisten des 20. Jahrhunderts - noch einmal genauer
in den Blick zu nehmen. Daraus formte sich dann schrittweise ein Bild
des 20. Jahrhunderts als des “Zeitalters des Totalitarismus” und
der tragischen Rolle Deutschlands darin. Mindestens genauso wichtig
für
die Neuaufnahmen des Themas war aber die untergründige Wirksamkeit
bestimmter Grundemotionen, die - so erscheint es mir aus der Rückschau
- merkwürdig konstant in allen Wandlungen meiner intellektuellen
Deutungen blieben. Ich glaube - so sei kurz hinzugefügt -, daß wir
in derartigen Erfahrungen - den Erfahrungen der Konstanz bestimmter
Grundemotionen - uns selbst in dem Kern unseres Selbst, der Substanz
unserer Person
begegnen. Unsere Grundemotionen können sich lange in einem Zustand
der Latenz befinden, weitgehend verborgen in tieferen Bereichen der
Psyche. Aber manchmal kommen sie doch empor, ungerufen, und okkupieren
unser
Bewußtsein mit einer bedrängenden Eigenmacht. Das können
sehr kleine äußere Anlässe bewirken, schon ein Bild
oder ein Klang. Reflektiert man derartige Emotionen intensiver, merkt
man,
daß sie oft um bestimmte existenzielle Grundthemen angeordnet
sind, die auf Schlüsselerlebnisse der eigenen Familie verweisen.
Das waren bei mir die Schlüsselerlebnisse meiner Eltern, Flucht
und Vertreibung und Gefangenschaft und Heimkehr. Die von ihnen bestimmten
Emotionen hatten
bereits bei meiner frühen Beschäftigung mit dem nationalsozialistischen
Terrorsystem wie Gefühls-Kontrapunkte gewirkt, und sie haben nicht
nur immer gewisse Grundloyalitäten gestiftet, sondern sich auch
zu einer bestimmten Haltung zur deutschen Geschichte im Zeitalter des
Totalitarismus ausgeformt, die meine wiederholten Neuzuwendungen zum
Thema immer bewußter geprägt hat. Über diese Haltung
möchte ich sprechen.
Zweifellos gibt es sehr unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten der
deutschen Diktaturen im Gesamtkontext des 20. Jahrhunderts, von denen
jede - indem sie Licht auf andere Seiten der Phänomene wirft - ihre
relative Berechtigung haben mag. Natürlich sind nicht alle Gesichtspunkte
und Perspektiven gleichwertig, es gibt weniger angemessene und angemessenere,
aber, so glaube ich, was über den Wert einer Deutung letztlich entscheidet,
ist nicht zuvörderst die Wahl des Gesichtspunkte oder die rein intellektuelle
Brillanz eines Autors, sondern die Grundhaltung, mit der er den Stoff
filtert und gestaltet. Mich wird er nur erreichen, wenn diese durch zweierlei
geprägt ist: realistische politische und historische Phantasie
und Annahme der deutschen Geschichte.
Unter realistischer historischer Phantasie verstehe ich vor allem die
Fähigkeit, sich geschichtliche Extremsituationen von politischer
Macht und Gewalt so vorzustellen, als ob man sich selbst handelnd in
ihnen bewegen müßte. In ihrer Erweiterung zu einer politischen
Grundeinstellung umschließt realistische Phantasie für mich
eine mit der Potentialität interner und externer Gewaltbedrohungen
immer rechnende Haltung, also ein Gefahrenbewußtsein auch und gerade
in Zeiten des konfliktarmen politischen Alltags. Historische Erfahrung
lehrt, wie gefährlich das Nachlassen dieses Gefahrenbewußtseins
werden kann. Von der Macht des Unvorhergesehenen überwältigt,
stolpert die Politik dann ins Falsche. Nun ist offensichtlich, daß in
allen westlichen Gesellschaften der Gegenwart beide Dimensionen von realistischer
Phantasie - die historische und die politische - nicht gut gedeihen können.
Das liegt vor allem an dem liberistisch-hedonistischen Lebensstil, den
diese nachbürgerlichen Gesellschaften der massendemokratischen Postmoderne
produzieren. In Westeuropa und speziell in Deutschland ist aber die realistische
Phantasie weitgehend verdorrt. Das hat in diesem Land zum einen mit einem
fehlgeleiteten Bezug zur deutschen Geschichte im Zeitalter des Totalitarismus
zu tun, auf den ich gleich eingehe, aber auch mit handfesten politischen
und sozialen Fakten. Erinnern wir uns zum Beispiel an die aus der Rückschau
wie einwattiert wirkende politische Atmosphäre in Deutschland in
der zweiten Phase des Kalten Krieges, der Entspannungsära. Die dramatischen
Konfrontationen der Supermächte auf deutschem Boden gehörten
der Vergangenheit an, und dies hatte - unterstützt durch einen Lebensstandard,
wie es ihn nie zuvor in der deutschen Geschichte gegeben hatte - zu einem
fast völligen Verlust des Bedrohungsgefühls geführt. Daß der
mächtige Schutzschild einer Supermacht die Grundvoraussetzung für
die Ausbreitung dieser neuen subjektiven Wirklichkeit wahr, wurde kaum
mehr wahrgenommen. Gegenwärtig ist es das “Projekt Europa”,
das das Sicherheitsgefühl der Entspannungsära verlängert
und vertieft. Eine neue politische Wirklichkeit entsteht, in deren Innerem
die zwischenstaatlichen Gewaltfakten der bisherigen Geschichte überwunden
zu sein scheinen. Allerdings ist fraglich, ob diese in ihrem Wesen noch
gar nicht exakt definierbare politische Einheit einer substanziellen
Bedrohung “von außen” wirklich gewachsen wäre.
Zu meinen, derartiges sei gar nicht mehr möglich, ist naiv und gefährlich.
Nun ist freilich der Verlust von realistischer politischer Phantasie
nur ein Nebenaspekt meiner Ausführungen, freilich kein ganz unwichtiger,
denn es leuchtet ja unmittelbar ein, wie stark die Entfaltung realistischer
historischer Phantasie von den politischen Mentalitätsströmungen
in einer Gesellschaft beeinflußt wird.
Ich möchte zunächst anhand meiner Erfahrungen skizzieren, welche
allgemeineren Auswirkungen - vor allem in Bezug auf das eigene Verhältnis
zur deutschen Geschichte - die Schulung realistischer Phantasie in der
Selbstkonfrontation mit den totalitären Systemen haben kann.
Wer die eigene Person vorstellend der Macht bestimmter Situationen
und Verhältnisse in den totalitären Diktaturen aussetzt, stößt
in sich immer wieder auf Bereiche und Möglichkeiten, die einem im
gesellschaftlichen Alltag der Gegenwart verschlossen bleiben müssen.
Man lernt, wie schwierig es - und zwar auch und gerade für die gedrücktesten
Opfer - in diesen Diktaturen war, “gut” zu bleiben; und wie
gefährdet man selbst gewesen wäre, gefährdet, in Täterschaften
- auch in solche monströsen Ausmaßes - verstrickt zu werden.
Die Erkenntnis dieser Selbstgefährdung erscheint mir mittlerweile
als die wichtigste Erkenntnis, die die Beschäftigung mit diesen
Diktaturen erbringen kann. Man frage sich, ob man wirklich in den aus
den Fugen geratenen Gesellschaften der Zeit nach dem ersten Weltkrieg,
in denen alles Vertraute aus der Vorkriegszeit zusammengebrochen war,
immun geblieben wäre gegenüber der Faszinationskraft von Ideologien,
die zurecht “politische Religionen” genannt worden sind ?
Daß es keineswegs die Schlechtesten waren, die den Heilsversprechen
der kommunistischen “Welterlösungs-“ und der nationalsozialistischen “Weltheilungslehre” verfallen
sind, läßt dies ebenso fragwürdig erscheinen wie die
Beobachtung der Ideologiesehnsucht vieler Menschen in gesellschaftlichen
Normalzeiten. Die Vorstellbarkeit der eigenen ideologischen Parteinahme
zieht aber sofort die Frage nach sich, ob - und wenn wieweit - man auch
die durch diese Ideologien entbundene Gewalt in Kauf genommen oder gerechtfertigt
hätte, die ja anfangs noch eher kleindosiert blieb. Und wie wäre
man -hineingeraten ins Getriebe dieser Bewegungen - umgegangen mit den
vertrackten psychischen Bindungen, die viele Menschen an sie gekettet
haben; mit den emotionalen Ankettungen von Kommunisten an “die
Partei” oder mit jener Fesselung an eine charismatische Person
im Nationalsozialismus, die sich hinter den Formeln vom “Glauben
an den Führer” und ähnlichen verbirgt. In beiden Fällen
handelt es sich um Fixierungen autoritativer Art, in denen die Anerkennung
durch andere, durch eine Führerperson oder eine Gruppe - für
den psychisch Gebundenen zum Faden wird, an dem sein Selbstwertgefühl
zur Gänze hängt. Die Vorstellung des Verlustes dieser Anerkennung
- durch “den Führer” oder “die Partei”-
wird in solchen Bindungen aber wie ein Gang ins Nichts empfunden und
gefürchtet, wie ein gänzliches “Aus- der- Welt fallen”.
Und eben das macht Menschen zu Taten fähig, die für sie als
Einzelpersonen jenseits jeglichen Vorstellungsvermögens sind. Die
Kraft dieser Bindungen zeigen eindringlich nicht nur die Angeklagten
der Moskauer Schauprozesse während des Hexensabbats der “Großen
Säuberung” von 1937/38, die - zum Tode verurteilt für
Dinge, die sie nicht getan hatten - mit Hochrufen auf die Partei in den
Tod gingen, sondern auch jene sogenannten Renegaten des Kommunismus,
die teilweise jahrzehntelang unter Selbstzweifeln litten, obwohl sie
um das Ausmaß der kommunistischen Massenverbrechen wußten
und von der Partei gnadenlos verfolgt wurden. Oder man versuche sich
einmal genauer jenen Zustand der diffusen Angst eines jeden vor einem
jeden vorzustellen, der in der schon angesprochenen “Großen
Säuberung” in der Sowjetunion herrschte; jenen Zustand der
systematisch hergestellten Anomie mit seinem Zusammenbruch aller sozialen
Berechenbarkeiten und einer Todesdrohung, die sich gegen jeden richtete.
Wäre man in diesem Zustand, in dem die Angst die Menschen nicht
nur dazu antrieb, sich zu verbergen und zu verstellen, sondern auch den
Terrororganen Spitzel- und Handlangerdienste zu leisten, wirklich “gut” geblieben?
Wie wäre man umgegangen mit jener Normalsituation im Kommunismus,
die der Wahrheit nur eine Äußerungschance gab, wenn sie sich
ins Gewand der Lüge - der Ideologie - kleidete. Und glaubt man wirklich,
man hätte in den Gulag- und Konzentrationslagern überleben
können, ohne “schuldig” zu werden? Immer wieder stößt
man in der Beschäftigung mit den totalitären Diktaturen auf
Situationen, die das Gute als Handlungsalternative gar nicht kannten,
die also auch die Opfer ins Böse verstrickten, und je intensiver
man sich vorstellend gerade derartigen Situationen aussetzt, desto stärker
schmilzt der Glaube, man selbst hätte die Totalitarismen moralisch
unbeschadet überstehen können. Diese Selbsterfahrungen qua
Vorstellungskraft haben weitergehende Auswirkungen. Sie machen nicht
nur skeptisch gegenüber den Prämissen optimistischer Menschenbilder
und empfänglich für eine pessimistische Anthropologie, sondern
sie lassen auch das eigene Verhältnis zur zerklüfteten deutschen
Geschichte nicht unberührt. Je mehr man nämlich in der Beschäftigung
mit den Totalitarismen der dunklen Seiten der eigenen Person gewahr geworden
ist, desto mehr wird es einem auch möglich, die dunklen Seiten der
deutschen Geschichte in sich auszuhalten und als Teil eines längeren
und breiteren geschichtlich-kulturellen Stroms, durch den man ist,
was man ist, anzunehmen. Das bedeutet keine Rechtfertigung, Entschuldigung
oder Kleinreden. Es geht nur um das Nicht-Verleugnen des Eigenen, in
der ganzen Vielfalt seiner Dimensionen. Gelingt ein derartiges Annehmen
aller Seiten der eigenen Geschichte - der positiven wie der negativen
- nicht, dann kommt es zur Flucht eines Volkes vor sich selbst, in
eine
Zukunft des selbstproduzierten Verschwindens als einer kulturell-nationalen
Einheit, also zu den Prozessen, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland
zu beobachten waren.
Damit bin ich an meinem zweiten Punkt angelangt, dem Verhältnis
zum Eigenen bei der Betrachtung der deutschen Geschichte im “Zeitalter
des Totalitarismus” und den langfristigen kulturellen und politischen
Folgen, die unterschiedliche Formungen dieses Verhältnisses zeitigen.
Um zu meinen Hauptgedanken zu kommen, muß ich einige Umwege einschlagen.
Ich muß zunächst einige Haltungen ansprechen, die in den letzten
Jahrzehnten in Deutschland den Zugang zu den beiden deutschen Diktaturen
maßgeblich bestimmt haben. Sie sind so beschaffen, daß sie
weder die Entfaltung realistischer Phantasie noch die Annahme der deutschen
Geschichte ermöglichen. Statt dessen befördern sie unangemessen-selektive
Geschichtsbilder, aus denen ein umfassend-negatives Verhältnis zum
Eigenen resultiert. Zwei dieser Haltungen seien kurz charakterisiert:
ein spezifischer Typus politischer Moral und eine Attitüde, die
manchmal “Volkspädagogik” genannt wird.
Ganz schematisch lassen sich zwei Grundtypen politischer Moral unterscheiden.
Im einen dominieren universalistische Werte als Maßstäbe moralischer
Bewertung: Betonung „universell gültiger Menschenrechte“ und
Postulate einer unterschiedslosen Menschenliebe, Ideen von einem „Weltethos“,
Anstreben „postnationaler Identitäten“ usw. Der andere
Typus dagegen ist eher partikularistisch orientiert: Bejahung nationaler
und kultureller Differenzen, des Nationalstaates und staatlichen Sicherheitsstrebens
und der eigenen Geschichte und Kultur. Beide Typen haben soziologisch
und geistesgeschichtlich unterschiedliche Wurzeln. Im Moral-Universalismus
werden familiale Solidaritätsprinzipien fortgeschrieben und auf
andere Sphären - die Sphäre der Politik - übertragen.
Geistesgeschichtlich wurden universalistische Moralprinzipien durch das
Christentum und die Aufklärung ausgeformt und praktisch gefördert
durch die Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen im Zuge der
Industrialisierung. Hingegen haben partikularistische Moralprinzipien
ihren Ursprung an der Grenze traditioneller Gesellschaften, in ursprünglich überall
verbreiteten scharfen Unterscheidungen zwischen Eigengruppenmoral und
Moral zur Fremdgruppe, die auch heute noch in vielen Kulturen bestehen.
In der Neuzeit war der Partikularismus am engsten mit den Sphären
politischer Macht und des Staates verkoppelt. Bezeichnenderweise sind
beide Moraltypen geistesgeschichtlich mit unterschiedlichen Menschenbildern
verknüpft, der Universalismus basiert auf optimistischen Annahmen über
die “menschliche Natur”, wie man sie in einem bestimmten
Zweig der Staatsphilosophie der Aufklärung finden kann und in der
Gegenwart zum Beispiel in Philosophien über „herrschaftsfreie
Kommunikation“, während die stärker partikularistische
Orientierung meistens mit einer pessimistischen Anthropologie verknüpft
war. Gefährlich werden gesinnungsethische Zuspitzungen und Verabsolutierungen
jedes dieser Moraltypen. Dann kann im einen Fall ein eiferndes Gutmenschengehabe
entstehen, das die eigenen hehren Ideale des Allgemeinmenschlichen weltweit
voraussetzt und praktisch auf staatlich-kulturelle Selbstaufgabe hinausläuft;
und im anderen Fall der Nationalismus mit seiner zur Feindlichkeit hochgetriebenen
Differenz von Fremd- und Eigengruppe. Ein pluralistisches Miteinander
und Synthesen zwischen universalistischen und partikularistischen Prinzipien
politischer Moral sind dagegen für die politische Kultur eines Landes
wünschenswert.
In der alten Bundesrepublik aber hat sich in ihrer zweiten Hälfte
eine fast unangefochtene Dominanz des politischen Moral-Universalismus
entwickelt, in einer oftmals massiv gesinnungsethisch radikalisierten
Ausformung. Man kann diese Variante des Moral-Universalismus in Anknüpfung
an Arnold Gehlen als “Humanitarismus” bezeichnen. Damit ist
eine Haltung gemeint, in der zwei Komponenten unauflöslich miteinander
verknüpft sind: eine aggressiv moralisierende Hinwendung zu einem
grenzüberwindenden Irgendwie des Allgemein-Menschlichen und - als
dessen Kehrseite und Antrieb - die Negativfixierung auf die eigene Nation
und Kultur. Diese Haltung ist mächtig geworden im Zuge des Bruchs
von 1968, und zwar als eine zeitverschobene Reaktion auf den extremen
Partikularismus des Nationalsozialismus, aber auch im Zusammenhang mit
den Sympathien, die sich in dieser Zeit für den kommunistischen
Ideologie-Universalimus entwickelten; und sie hat sich danach in selbstreferentiellen
Selbstverstärkungen in den Massenmedien und den Schulen und Hochschulen
immer mehr verfestigt. Die Öffentlichkeitsmacht des Humanitarismus
in den letzten Jahrzehnten ließe sich an vielen gesellschaftspolitischen
Debatten und Kampagnen illustrieren, aber seine nachhaltigsten Auswirkungen
hat er doch auf den Umgang mit dem nationalsozialistischen und kommunistischen
Totalitarismus und seinem Ableger in Deutschland - der DDR - gehabt.
Die “gespaltenen” Bilder vom Nationalsozialismus und Kommunismus,
die hier bis 1989 entstanden sind und teilweise bis in die Gegenwart
weitergezeichnet werden, sind ganz wesentlich ein Produkt der intellektuellen
Prämissen und emotionalen Fixierungen dieser Haltung. Der Nationalsozialismus,
der ideologisch das ins Extrem getriebene Gegenbild des Humanitarismus
verkörpert, wurde zum Objekt einer nicht abreißenden moralisierenden
Empörung, die freilich, so meine Auffassung, für das Begreifen
von Diktaturen höchstens als Anfangsimpuls nützlich ist. Aus
der Kultivierung dieser moralisierenden Empörung entstand dann die „volkspädagogische“ Strategie
der “Vergangenheitsbewältigung“, die ich in vielerlei
Hinsicht für schädlich halte. „Volkspädagogik“,
das meint unter anderem: Versuch permanenter Erzeugung von Abscheugefühlen über
zwei untergründig miteinander identifizierte Gruppen, die “Täter” und
ihr “Volk”, die dann folgerichtig beide zu einer Einheit,
dem sogenannten “Tätervolk” zusammengefaßt werden.
Zu dieser Einheit - dem Konstrukt seiner ideologischen Prämissen
- entwickelt der volkspädagogische Aufklärer dann eine gewissermaßen
schizophren gespaltene Beziehung: er gehört ihr an, nicht zuletzt
aus biologischen Gründen (Abstammung), aber er gehört ihr auch
- und viel stärker - zugleich nicht an, weil er ja über unvergleichlich
andere Moralstandards verfügt, über ein moralisches Gutsein,
in dem er sich in seinen Abscheuproduktionen permanent selbst bestätigt.
Gegenüber dem Kommunismus waren derartige volkspädagogische
Strategien freilich seltener, und zwar einfach deshalb, weil eine spezifische
Form des Moraluniversalismus ja selber ein zentrales Ingredienz der kommunistischen
Ideologie ist. Deswegen dominierte bis 1989 in der Bundesrepublik die
These von der Unvergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus
und das Bestreben, die kommunistischen Massenverbrechen zu bagatellisieren
und zu tabuisieren. Solschenyzin und der „Archipel Gulag“ spielten
im publizistischen Diskurs kaum eine Rolle, und es gab in der alten Bundesrepublik
außer der Bagatellisierungs- und Tabuisierungsstrategie auch -
und gar nicht so wenige - Versuche einer fast schon offenen Legitimation
des kommunistischen Terrors. Auch dabei spielte die eigene Nähe
zu den universalistischen Zielen der kommunistischen Ideologie die Hauptrolle.
Der Verweis auf die hehren moralischen “Endziele” - der faktisch
zum klassischen Repertoire der totalitären Apologetik gehört
- schien wie durch das Berühren mit einem Zauberstab den Charakter
von Mord und Terror zu ändern. Derartige Argumentationsfiguren
werden bis in die Gegenwart fortgeschrieben, vor allem in bezug auf
Unrecht
in der DDR.
Meine Haltung gegenüber den Totalitarismen, so darf ich noch einmal
wiederholen, ist der des Humanitarismus und der Volkspädagogik konträr
entgegengesetzt. Mir geht es um die Entwicklung realistischer Phantasie
in bezug auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten, darum aufzuzeigen,
wie gefährdet viele von uns selbst gewesen wären, gefährdet,
zum Täter zu werden. Deshalb - aber auch aus anderen Gründen
- halte ich das Wort von der “Gnade der späten Geburt”,
das man noch ergänzen sollte durch das Wort vom Glück der “Geburt
im Westen”, für vollkommen berechtigt. Es kommt nicht darauf
an, in der Beschäftigung mit diesen Diktaturen das Gefühl des
eigenen Gutseins zu stärken, sondern das Bewußtsein von der
eigenen Verführbarkeit zu schärfen. Das erleichtert nicht nur
die Annahme der schwierigen deutschen Geschichte im Zeitalter des Totalitarismus,
sondern bietet auch einen gewissen Schutzschild gegen das Täter-Werden
in einer möglichen, in vielerlei Hinsicht offenen Zukunft. Hingegen
ist die aus dem Moralisieren entspringende Selbstgerechtigkeit des „Ich
hätte nie dazu gehört“ die beste Disposition für
das Gegenteil.
Die volkspädagogische Attitüde zu den dunklen Seiten der deutschen
Geschichte hat nicht nur die Ausbildung realistischer Phantasie gehemmt,
sondern eine Entfremdung von allen ihren Seiten bewirkt. Dadurch hat
sie die Ausbreitung einer Mentalität mitbefördert, die langfristig
verhängnisvolle Auswirkungen haben wird. Sie hat zwei Grundmerkmale:
den “Momentismus” und ein massiv gestörtes Verhältnis
zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Unter “Momentismus” verstehe
ich eine wesentlich auf Gegenwartsaugenblicke zusammengezogene kulturelle
und politische Selbstverortung, der die Kraft zur vorwärts gerichteten
Langsicht fehlt, weil sie keine nach rückwärts, in die eigene
Geschichte gerichtete Verankerung besitzt. Der Momentismus ist zwar ein
notwendiges Beiprodukt allgemeiner Merkmale des westlichen Gesellschaftstypus
der Gegenwart, er hat sich aber in Deutschland besonders stark entfaltet.
In der Politik kann er sich fatal auswirken, weil er zu Entscheidungen
führt, die das durch ein historisches Langzeitgedächtnis geformte
Handlungspotential anderer Kulturen nicht angemessen zu kalkulieren vermögen.
Auch das gestörte Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden,
das in Deutschland besteht, läßt sich als eine durch nationalgeschichtliche
Faktoren bewirkte Extremausformung eines allgemeineren Musters kultureller
Deformation begreifen, das sich in allen westlichen Gesellschaften ausgebildet
hat. Der Sachverhalt, auf den ich damit anspiele, hat nichts zu tun mit
jener Fähigkeit zur kritischen kulturellen Selbstreflexion und Selbstrelativierung
angesichts der Begegnung mit dem Fremden, die sich einzig in der Geschichte
des europäischen Gesellschaftstypus ausgebildet hat. Die Potenz
zur Selbstkritik war die bedeutendste Frucht des europäischen Rationalismus,
sein zentrales Charakteristikum, ohne das die universalgeschichtliche
Eigenart der europäischen Gesellschaftsentwicklung nicht denkbar
gewesen wäre, und noch heute haben die meisten nicht-westlichen
Gesellschaften ein rein affirmatives, zur kritischen Reflexion des Eigenen
unfähiges Selbstverhältnis. Ich meine nicht die Fähigkeit
zur kritischen Selbstreflexion, die die Grundbedingung für jegliche
Toleranz ist, sondern ich meine ein kulturelles Selbstverhältnis,
das die Beziehung zum Eigenen und diejenige zum Fremden im Sinne eines
grotesken Negativ-Positiv-Schemas filtert. Ein derartiges Muster, das
von einer tiefgehenden kulturellen Deformation zeugt, hat sich in Deutschland
in den letzten Jahrzehnten verbreitet und verfestigt. Grundsätzlich
gilt, daß nur derjenige sich dem Fremden wirklich öffnen kann,
der das Eigene kennt, aushält und annimmt. Und es gilt auch, daß nur
derjenige, der es angenommen hat, langfristig des Respektes der anderen
sicher sein kann. Wer sich aber dem Eigenen gegenüber durch eine
grundsätzlich negative Haltung verschlossen hat und es zynisch abwehrt,
wenn es an ihn herantritt, der wird - weil ohne originäre Leitbilder
- zu einer hektischen Suche nach dem Richtigen, Guten und Wahren in einem
idealisierten Fremden angetrieben. Das führt dann im Freizeitverhalten
und privaten Weltverhältnis zu den typisch deutschen Formen des
Exotismus, die meist harmlos sind und im schlimmsten Falle auf die Nerven
gehen. Im politischen Handeln aber resultieren daraus irreparable Fehlentscheidungen
mit langfristig verhängnisvollen Folgen, und zwar auf allen Feldern:
der Stadtpolitik - im Verhältnis zur historischen Substanz der Städte;
oder der Bildungs- und Hochschulpolitik - im Verhältnis zum humanistischen
Gymnasium und der Humboldtschen Universität; der Einwanderungspolitik
- im Verhältnis zu den Kriterien kultureller Integration; und natürlich
der Geschichtspolitik, beispielsweise im Verhältnis zum Schicksal
einer Gruppe des eigenen Volkes in der größten Vertreibung
der Menschheitsgeschichte, das dann wie ein feindlich-Anderes erscheint,
an das noch nicht einmal erinnert werden soll. Ich glaube, daß die
geistig-kulturelle Krise, die in Deutschland schon lange spürbar
war, ihren Kern in diesem gestörten Verhältnis zwischen dem
Eigenen und Fremden hat, und daß die handfesten Niedergangserscheinungen
auf den Gebieten der Wirtschaft, Demographie und Bildung, über die
gerade so heftig gestritten wird, in nicht geringem Ausmaße auch
Symptome und Folgen dieses gestörten Verhältnisses sind. Man
braucht aber nicht in völligen Pessimismus zu verfallen, denn es
gibt Anzeichen, daß in der Jugend die Einsicht für die Folgen
des fehlgeleiteten Bezuges zur Vergangenheit wächst. 
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