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Dankrede Dr.
Jörg Friedrich
Geehrte
Frau Oberbürgermeisterin,
liebe Familie Kronauer,
liebe Kollegen, Freunde und Gäste mir ist Lob zu Teil geworden für die
Lesbarkeit meiner Bücher.
Das freut mich schon als Lohn der Mühe, die ich drauf verwende,
denn es fällt mir nicht leicht. Andererseits wissen Sie, daß ich
für meine literarischen Anstrengungen reichlich Tadel eingesteckt
habe. Und so lerne ich mich, nach dreißig Jahren Bücherschreiben,
als umstrittenen Autor kennen. Teils mißverstehend, teils mißverständlich,
teils mißverstanden. Nun, man kann nicht jedem behagen, doch mir
gingen diese ganzen Unverständlichkeiten mit der Zeit gegen die
Berufsehre und ich begann mit den Sprachkritikern zu argumentieren. „Wenn
Sie sich an meinen Worten stören, dann sind wir uns ja wohl in der
Sache einig. Mir liegt nichts an Worten! Ich will nie mehr bei der Schilderung
der Luftzugsverhältnisse von Bombenkellern im Feuersturm – Keller
mit Temperaturen von 800° C, die zwei Wochen zum Auskühlen und
zum Entleeren brauchen – ich will dazu nie mehr das Wort „Krematorium“ verwenden.
Was soll ich dazu sagen, machen Sie mir einen Vorschlag!“ Natürlich ist nichts daraufhin erfolgt. Es war ja nur Rhetorik,
das haben die Nörgler gemerkt, denn sie waren auch nur Rhetoriker.
Die Wahrheit ist die: Wir haben keinen Begriff vom Sterben im Bombenkrieg,
kein Gefühlsorgan, kein passendes Wort, nur unpassende. Sie erstarren
einem im Mund. Man soll vom Unvorstellbaren nicht behaupten, man könne
es anschaulich wiedergeben; vom Unsagbaren nicht, daß es hervorragend
zu formulieren sei. Dann liegt man schon gleich daneben! Lassen Sie mich
Ihnen ein paar Begebenheiten erzählen, die als pure Vorgänge
sprechender sind als alle Worte.
I. Das Unvorstellbare
Als ich mit meiner Mitarbeiterin Quellen las zum Bergungsgeschehen in
Darmstadt, nach dem Feuersturm vom September 1944, stießen wir
auf Berichte von einem Eimer. Das Bergen der Menschenüberreste
war größtenteils Sache der Familien und Nachbarschaften.
Bei Abertausenden von ausgeglühten, zertrümmerten Häusern
sind nicht genügend Hilfskräfte zu mobilisieren. Die Angehörigen,
hieß es, haben die verkohlen Leichenteile in Eimer gesteckt,
sie etikettiert und im Friedhof abgestellt.
„Das können wir nicht schreiben“, sage ich meiner Mitarbeiterin. „Entweder
ist es Greuelpropaganda von Goebbels oder irgendein schauriger Einzelfall. Jedenfalls
nichts Typisches.“ Andernfalls hätte ich doch in meinen –zig
Jahren Studium der Zeitgeschichte und des Weltkrieges schon einmal davon gehört.
Habe ich aber nicht, also kann es so etwas auch nicht gegeben haben!
Plötzlich begegnen mir aus dutzenden von Zeugnissen Eimer. Aus allen möglichen
Städten; aus dem Stadtarchiv Wuppertal fand ich dann ein Photo. Ein Eimer
mit schwarzen Gliedmaßen. Aus Würzburg bekam ich das Tagebuch eines
katholischen Kaplans zu lesen, bei dem morgens zwei Hausfrauen anschellen. Sie
tragen Eimer mit Teilen ihrer Gatten und bitten um ein christliches Begräbnis.
Von da an habe ich an den Eimer geglaubt. Er schien mir mit einem Male urplausibel.
Wenn die Familien und Nachbarn an der Bergung teilnahmen, die schnell, sehr schnell
geschehen mußten, denn es konnten ja noch Lebende unter den Trümmern
sein, dann brauchte man dazu ein Gefäß, ausreichend groß, das
in jedem Haushalt herumsteht. Es gab keine Body-bags; es ging gar nicht ohne
Eimer.
Dennoch war dieser Vorgang doch heller Irrsinn. Mütter buddeln Füße
und Schädel ihrer Kinder aus, Ehemänner die Rümpfe ihrer alten
Gattin. Wie bringen sie das fertig, das Liebste wie Müll zusammenzuklauben
und in den Eimer zu werfen? Auch wußten sie nicht ohne weiteres, welches
Teil zu wem gehörte. Die zwei Hausfrauen in Würzburg hätten nicht
gewußt, welcher Ehemann in welchem Eimer lag, wäre der eine von beiden
nicht Eisenbahner gewesen. Er trug eine Eisenbahneruhr und sie war das einzige
noch Identifizierbare.
So ist der Eimer das Sinnbild der Verschrottung des Menschen. Abertausend müssen
ihn im Anschluß an die Bombennächte gesehen haben. Im Nachhinein gab
es nur eins: Löschen, löschen aus dem Diskurs, tilgen aus der Überlieferung,
den Familiengeschichten. Aber geht so etwas, kann man das Furchtbarste je im
Leben Gesehene aus dem Gedächtnis streichen? Kommt es in den Träumen
hoch? Was ist, wenn man einen Mülleimer leert? Ich weiß es nicht.
Es ist und bleibt ein Rätsel.
II. Das Unsagbare
Nach dem Darmstädter Feuersturm suchen zwei Kinder, Mädchen,
die Körper ihrer Eltern, die sie offenbar tot wähnen. Sie ziehen über
die Sammelplätze, wo Leichen gewöhnlich aufgereiht lagen. Fußballfelder,
Turnhallen, Parks, wo immer Freiflächen sind. Vor der Bestattung
vergehen einige Tage mit der Identifikation. Schließlich landen
die Geschwister im Marienkloster, fragen die Schwester Agnes und eingangs
fällt der Satz: „Sonst sind wir schon überall gewesen.“
Die sechs schlichten Worte erschienen mir von biblischer Tiefe. Da ist das „wir“,
die Gemeinde der Lebendigen. Der Krieg schneidet quer durch das „wir“,
welches nicht mehr das frühere „wir“ der Familie, der Nachbarschaft,
der Schulklasse ist. Kein Getöteter kann dem „wir“ noch angehören.
Er zählt zum „ihr“, die ihr nicht mehr wiederkommt. „Sind
gewesen“ ist die absolute Vergeblichkeit allen Herumlaufens, Anknüpfens,
ja jeglichen Tuns. Hat keinen Zweck!
Den Ton bilden die Adverbien „sonst“, „schon“ und „überall“. „Schon“ bezeichnet
die unerwartete Vollendung in der Gegenwart. „Ich bin schon satt!“ „Sonst“ ist
ein Gerinnungsfaktor: Alles bis auf eines gerinnt zum Klumpen; „sonst ist
kein Platz“, also nirgends, außer hier. Hier, wo die Suche nach dem
Rest der Eltern endet.
„Überall“ hingegen ist die gesamte bekannte Welt, „überall,
wo Menschen leben“. In Verbindung mit dem „sonst schon“ wird
das „überall“ plötzlich schmal. Wie geschrumpft ist die
bekannte Welt! Die kleinen Geschwisterbeine können sie an einem Tag abschreiten.
Unerwartet stehen Sie am Rande des Nirgendwo, eine dunkle Leere, fremd, hilflos
und kalt. Wie kommt dieser Satz aus dem Mund der Kinder: sagen sie ihn, seufzen
sie, klagen sie? Wie unpassend und doof diese Verben hier sind! Keines daß ich
wüßte, faßt die Ungeheuerlichkeit, daß wir am Rande des Überall
stehen, eine winzige Insel nur noch, umgeben von gestaltloser Nacht. Nichts,
Nullum! Ich habe an dieser Stelle eine Lücke im Text gelassen und sie mit
einem stummen Satzzeichen gefüllt, einem Doppelpunkt.
III. Das Unfaßliche
In Paderborn hielt ich einen Vortrag am 60. Jahrestag des Bombardements im
März 1945. In der Nähe ist heute eine britische Garnison stationiert.
Die Offiziere kamen, begleitet von einem anglikanischen Priester und es wurde
im Dom ein ökumenischer Gottesdienst gehalten. Ich hatte meinen Freund
Harold Nash aus Birmingham mitgebracht, einen früheren Bomberpiloten.
Er spricht ein makelloses Deutsch und die Paderborner hingen an seinen Lippen.
Sie hätten ihm Stunden lauschen können. Nun erzählte er ihnen
nicht, daß er sie von Hitler befreite, der alles angefangen hatte. „Freunde,
was hätte man denn gegen ihn tun sollen?“ Nein Harold stellte
sich vor als Täter seiner Taten und begann mit „Ich war ein Terrorflieger“.
„Oh, wirklich?“ Wie der Terror aussah, weiß man in Paderborn,
aber nicht wie ein Terrorflieger aussieht. „Was ist das, wie wird man dazu?“ Sobald
die Geschichte kein Austausch von Phrasen sondern von Erlebnissen ist, werden
die Leute nämlich wach.
Terrorist wird man sehr einfach. Es ist Krieg, man ist 18 Jahre und will längst
von zu Hause fort. Das Bomber Command ist die Mannschaft, die den Sieg heimbringt.
Man hat rassige Maschinen, ist sagenhaft schnell, haut die Bomben runter auf
den Feind, daß es kracht. Leider wurde Harold auch runtergehauen, stürzte
ab über Naziland, wurde aber nicht gelyncht wie so viele Kameraden. Die
Deutschen gaben ihm zuerst einmal ein Butterbrot, denn Terror macht hungrig und
durstig auf beiden Seiten. Die NSDAP teilte den Volksgenossen nach überstandenem
Bombenhagel auch keine Medaillen aus sondern Tee. Das bindet. Die Bindung Harold
Nashs an die Deutschen führte im Weiteren dazu, daß er ihre Sprache
studierte und hier sein Leben als Deutschlehrer verbrachte.
Nach den Vorträgen wanderte ich mit dem Terrorflieger durch den lädierten,
nach 1945 schnell wiederhergestellten Dom. Im katholischen Münsterland ist
das die erste Reparaturstelle. Es gibt in einem Seitengang dort eine Marienkapelle,
eigentlich eine Nische mit dem Standbild der Mutter Gottes. An dem seinerzeitigen
Abend im März hatte sich ein Club Mädchen dort zum Gebet versammelt
und wurde beim Einschlag einer schweren Hochexplosivbombe direkt getroffen und
spurlos an die Wand gedrückt. Solche Metamorphosen sind auch aus Hiroshima
bezeugt, Menschen von denen eine Dunkelstelle in der Wand übrig bleibt.
Man erzählt sich in Paderborn dazu eine Anschlußbegebenheit, die nicht
so klingt, als wäre sie erfunden: An der Enttrümmerung im Dom beteiligt
sich ein Apotheker. Ein Lehrer sieht ihn mit einem Messer Mauerwerk abkratzen,
den Staub fängt ein Reagenzglas auf.
„
Was machen Sie da?“
„
Das ist meine Tochter!“
Das fragt sich. Vielleicht sind es nur die Ablagerungen der Tötungsmunition.
Aber der Wunsch steht fest, daß es sterbliche Überreste gebe. „Staub
bist du und zu Staub sollst du werden!“ Also immerhin das! Soviel ist als
das Allerletzte zu fassen. Ein direkter Treffer jedoch ist etwas, das einem selbst
die sterbliche Hülle nimmt. Es gibt kein Grab, denn es ist nichts zu vergraben.
Gräber werden angelegt, wo immer es Menschen gab. Nach Jahrtausenden noch
künden sie von etwas. Neben dem Angedenken stellt das Grab auch ein Recht
dar. Das Recht des Menschen, in Verbindung mit Erde und Feuer, Wasser und Luft
zur ewigen Ruhe zu finden.
Nach der Hinrichtung kann dem Hingerichteten, doch nur dem elendesten der Verbrecher,
noch ein Schmerz angetan werden, nämlich seine Asche zu zerstreuen. Der
Apotheker versuchte, seine Tochter in ihr Recht einzusetzen und die Asche der
ums Leben Gekommenen ruhen zu lassen in dem Gefäß seines Standes,
dem Reagenzglas. Sterben ist auch eine Reaktion jedoch in irgendeinen Zustand.
In die Opferstatistik der Dresdner Kommission zu den Verlustzahlen des 13.02.1945
sind die spurlos Verschwundenen, Zustandslosen einkalkuliert. Die Massenvernichtungswaffen
des Weltkrieges waren dazu aber nur geringfügig im Stande.
Ich habe diese Begebenheit wiederholt in den USA erzählt. Für den Vorgang
des Verschwindens in der Wand hat die dortige Sprache ein treffendes Wort, „to
vanish in the wall“. „Verschwinden“ ist von dem Wortrhytmus
schon zu elegisch, „Lebewohl“, wie Hamlets Geist, der zerfließt!
Der Hochexplosivstoff bewirkt dies aber in der Sekunde. Im „vanish“ steckt überdies
das lateinische „vanus“: leer, eitel, nichtig. Es ist ein Vorgang
und ein Urteil.
Die Amerikaner haben dies auf Anhieb verstanden. Ich habe sie unsentimental gefunden;
keiner redet sich in Eifer über die Bestrafung von Nazis. Die Sache ist
sonnenklar: Es ging um das Reich des Bösen schlechthin, da geht man hin
und macht es klein. Das Interessante an mir als Deutschem war, wie das Kleinmachen
aus der Warte des Kleingemachten aussieht. Seit dem 9. September, als Menschen
in den Twin-Towers in den Kerosinflammen verglühten, rückstandslos,
sind Untergangserfahrungen akut. Man wähnt etwas auf sich zukommen. „What
is it exactly?“ Wer weiß darüber?
Ich wußte etwas an und für sich allgemein Zugängliches: Daß im
letzten Kriegsquartal 1945 130 000 deutsche Zivilisten starben. Bezogen auf die
Twin-Tower Verluste von dreitausend Personen bedeutet dies einen Durchschnitt
von einem „ØSeptember“ alle zwei Tage, drei Monate lang.
In ihren Untergangserfahrungen begegnen sich die Menschen Auge in Auge. Auch
bei den Nazis soll es sich um Menschen gehandelt haben. Ihre nähere Beschaffenheit
hat der „direkte Treffer“ aber zuvor nicht geprüft. Es tut auch
nichts zur Sache, ob die getroffenen Mädchen in der Marienkapelle etwa BdM-Führerinnen
waren. Danach hat sich kein Amerikaner erkundigt. „Und was ist danach passiert?
Man kommt dann in ein Reagenzglas?“ Unbelievable!
IV. Das Märchenhafte
Die präzisesten mir bekannten Zeugnisse vom Bombenkrieg sind die Polizeiprotokolle,
die nach dem Angriff auf Kassel im Oktober 1943 aufgezeichnet wurden. Das Tohubawohu
in der lodernden Stadt, das panische Umherirren in den durch Mauerdurchbrüche
verbundenen Kellerketten der Häuserblocks sind hier wenige Tage nach den
Ereignissen lakonisch beschrieben. Wo findet man den Ausstieg ins Freie, wo
ist Atemluft, Wasser, Grün? Wie bewegt man sich durch funkensprühende
Straßenschluchten, wenn man beispielsweise ein Holzbein hat? Wäre
man besser unten geblieben, wo das Gas sich sammelte?
Wenn ganze Stadtviertel zur Fackel sich wandeln, entsteht notwendigerweise eine
beträchtliche Menge von Brandgasen. Sie ziehen hinab in den Keller, oder
steigen dort aus Schwelbränden von Kohlehaufen; kurz, 80 % der zehntausend
Kasselverluste sind daran erstickt. Ein in Deutschland schwer zu kommunizierender
Umstand; man gerät sogleich in den Sumpf der Mißverständnisse.
Die Protokolle - das Stadtarchiv hat sie ediert - berichten über die Gaseinwirkung
ungerührt und trocken; ich wüßte keine ähnliche Quelle zu
der in Feuersturmzonen nicht unüblichen Lage.
Es ist ein mildes Ende, wie eine Mutter aussagt, eine übermächtige
Müdigkeit, ein bleierner Schlaf, aus dem sie hin und wieder das Schreien
ihres Kindes weckte. Die Gaskonzentration war nicht tödlich, nicht für
die Mutter. Am Morgen tauchte sie daraus empor, „und da war“ heißt
es im Protokoll „das Kind schon kalt“. Nicht wie im ´Erlkönig´- „in
seinen Armen das Kind war tot“. Nein, es war kalt, eine Zustandsbeschreibung,
genauer eine Sachbeschreibung. Das Kind war zur Sache geworden, ein kalter Gegenstand.
Der Protokollant hielt, wie gesagt, drei, vier Tage alte Eindrücke fest.
Nachdem ich sie mehrfach durchgelesen hatte, fiel mir unterhalb der akkuraten,
nüchternen Mitteilungen ein allen gemeinsamer Tonfall auf. Eine eigentümliche,
weiche Satzmelodie. Ich habe mir in Kassel die Originale angesehen, blaues Typoskript,
Durchschlagpapier, es roch schon nach Amtsschriftverkehr. „Irgendetwas
höre ich darin“, frage ich die Archivare, „Sie nicht? Ich lese
es Ihnen einmal laut und übertrieben vor“: Und da war das Kind schon
kalt! Wie Grimms Märchen. „Ich fühle, daß ich sterben muß“,
sagte der Knabe, „ich will hinaus auf den Kirchhof gehen und ein Grab suchen“.
Das ist Grimm! „Ja, der war ein hessischer Volksmärchenforscher“,
sagen die Archivare. Er war von der Polizei mit dem Protokollieren beauftragt,
die Polizisten hatten in der Trümmerwüste anderes zu tun.
Bekanntlich sind die grimmschen Märchen außerordentlich grausam. Es
ist die einzige literarische Form, die entfernt an Augenblicke des Bombenkriegs
erinnert. Unentwegt werden Leute ins Feuer gestellt, in Kesseln gekocht, Menschen
zergehen zu blauem Rauch, in Flaschen aufbewahrt, Knochen beginnen zu singen,
abgeschlagene Köpfe zu sprechen, aus Wanderern werden Fleischstücke
gerissen. Eine entgrenzte Wirklichkeit; zumal die Grenzen des Leibes, der Wechsel
von Tod und Leben, sind völlig durchlässig. Am Anfang ist alles normal: „Es
war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten nur ein einziges Kind und lebten
in einem abseits gelegenen Tale ...“. Man spürt sofort, daß es
ganz fürchterlich weitergeht.
Anzunehmen ist, daß der Protokollant sich unbewußt an diese Märchenhaftigkeit
angelehnt hat, denn für einen Stilwillen war dies nicht der Augenblick.
Doch wenn alle Gesetze und Bräuche, die Gewohnheiten des Irdischen aufgelöst
sind, wenn aus dem Himmel die Hölle kommt, dann sucht man sich einen Rahmen
des Phantastischen, der das Medusenhaupt verkleinert und eine separate, eigentümliche
Gesetzmäßigkeit enthält: Das Märchen führt allen Schauder
einer Gerechtigkeit zu. Schuld erfährt konsequente Sühne, der Bösewicht
seine verdiente Strafe. So gelangt die aufgelöste Welt wieder ins Lot. Alles
hat sein Gutes.
Die Mehrheit der Deutschen müht sich ebenfalls, in die Exzesse des totalen
Krieges einen Sinn zu bekommen, vorzüglich den von Schuld und Sühne.
Die Vertreiber wurden vertrieben, der Schlächter geschlachtet, die Gerechtigkeit
nahm ihren Lauf. Punkt. Wenn man so will, ist das ein Märchen, eine hinzugedichtete Moral von
der Geschichte. Es wäre verfehlt und überflüssig zu sagen: alles
falsch! So argumentiert man nicht mit dem Märchen. „Schneewittchen,
das im gläsernen Sarg die Augen auftut, hat es nie gegeben“. Das
Märchen ist Sinngebung. Es hilft, die Fürchterlichkeiten des Daseins
wieder ins Lot zu rücken: Strafe muß sein und jetzt ist Bundesrepublik!
Aber ist denn die Strafe des Himmels auf das Mörderhaus unstrittig ein
Märchen?
V. Das Unergründliche
Ein ZDF Magazin hat mich einmal eingeladen -soweit ich weiß aus Anlaß von
Dresden- zu dem üblichen Diskurs: Machen Sie nicht aus dem Tätervolk
ein Opfervolk? Dürfen wir uns beschweren, haben wir nicht den Krieg entfesselt?
Ich werde im Deutschen Fernsehen nicht sagen: Gegen England haben wir gar nichts
entfesselt. Diesen Waffengang hat selbst der Nürnberger Gerichtshof nicht
als Nazi-Aggression gewertet. Im Gegenteil; Nazi-Land ist angegriffen worden
und meinethalben zu Recht. ‚Aber lieber Mann, doch nur um Polen zur Hilfe
zu eilen!’ Nun, gerade das ist ja nicht geschehen. Polen hat, zu seinem
Entsetzen, von England nicht einen Grenadier, nicht ein Gewehr, nicht eine Patrone
erhalten. Es ist vom Westen verraten worden im September 1939, im Warschauer
Aufstand 1944 und dazwischen sind die Kämpfer des Warschauer Ghettoaufstands
verraten worden. Das waren gleichfalls 18-19jährige Burschen, mit nichts
als Pistolen in der Tasche. Die Ghettokämpfer haben einen Kurier nach London
geschickt mit mehreren, aber im wesentlichen zwei Forderungen a) Waffen, b) Bombardierung
deutscher Bevölkerung, nebst einem Flugblatt: „Ihr werdet getötet
werden, solange ihr die Judentötungen in Polen geschehen laßt.“ Auge
um Auge, Zahn um Zahn; ich kann mich sehr gut in diese Logik hineinversetzen.
Auch Churchill fand diese Forderung angemessen, es wurde ja sowieso schon bombardiert,
warum nicht mit diesem zwingenden Hinweis?
Es gibt die Akte über ein diesbezügliches Gespräch, das Churchill
mit dem Stabschef der Royal Air Force führt, Charles Portal. Man könne
doch zumindest einmal ein Bombardement mit solchen Begleittext machen.
Nein, das sei ganz und gar ausgeschlossen, sagt Portal.
„Warum?“
Erstens würde es in England so aufgefaßt, als führe man Krieg
im jüdischen Interesse anstatt im eigenen. Das verstehe niemand und gebe
Hitler recht, der propagiere, daß sein Kampf sich nur gegen das Weltjudentum
richte. Zweitens würde England damit zugeben, daß es Zivilisten angreife.
Die offizielle Linie aber sei immer die gewesen, daß militärische
Ziele angegriffen würden, mit einigen bedauerlichen Kollateralschäden
unter unglücklich nebenstehenden Zivilpersonen. Man muß dazu wissen,
daß derselbe Portal kurz davor seiner Truppe die Vorgabe von 900 000 zu
tötenden deutschen Zivilisten geliefert hatte.
Kurz, aus den Bitten des Warschauer Ghettos wurde nichts, aber zurück zum
ZDF, dessen Zuschauern ich solche Mißverständlichkeiten nicht aussetzen
würde. Wir haben angefangen, grundsätzlich! Also antwortete ich korrekterweise „Ja,
das bestreitet doch kein vernünftiger Mensch. Aber weiß nicht jeder
Deutsche genauso, daß, wer in den Reihen des Bösen aufräumt -
bei Saddam Hussein oder den Taliban - dort nicht die Säuglinge vierteilen
kann, die Gefangenen nicht foltern usw. Gerade die humane Sache rechtfertigt
nicht die barbarischsten Mittel. Nach wieviel verbrannten Zivilisten höre
ich eigentlich auf, gerechter Krieger zu sein? Nach einer halben Million, nach
zwei, nach sechs?“
„Aha, gut, das ist die höchstpersönliche Meinung eines höchst
umstrittenen Autors, die unseren Zuschauern sicher zu denken gibt“!
Es war ein sehr kluger Redakteur, mit dem ich dieses Gespräch führte.
Wir schlendern in sein Büro und ich frage, „wo kommt denn Ihre Familie
her?“ „Aus Neheim-Hüsten“. „Oh, ein berühmter
Ort im Bombenkrieg“. Die Engländer waren auf die famose Idee gekommen,
eine Sintflut über das Ruhrgebiet zu schicken, wenn man die Möhnetalsperre
zerbombt. Schon Gott der Herr hatte eine Sintflut geschickt, also kann daran
nichts Falsches sein. Infolgedessen wurde Neheim-Hüsten überschwemmt.
„
Nein, dabei ist uns nichts passiert, aber es gab schon davor einen Angriff.“
Auf dem Schreibtisch in dem ZDF-Büro lag eine kleine Nivea-Dose, ein Handy
und eine zweite Blechdose: „Also das hier ist unser Haus (Nivea-Dose),
das ist das Nachbarhaus (Dose Nr. 2) und das ist der Flieger (Handy). Er kommt
aus dieser Richtung, trifft das Nachbarhaus, bei uns sitzt meine Mutter mit dem
Horst im Keller, mein Bruder. Da kommt ein Bombensplitter geflogen und schlägt
fünf Zentimeter neben dem Horst in die Wand. Fünf Zentimeter weiter
rechts, und sein Schädel wäre zertrümmert!“
Warum ist Horst verschont geblieben? Warum hat andere die Strafe des Bombers
getroffen? Unergründlich.
Ich frage den Redakteur: „Was ist hier in der Dose Nr. 2?“ „Nasensalbe“.
Mit einer Dose Nivea, einer mit Nasensalbe und einem Handy läßt sich
der ganze Wahn des Bombenkrieges darstellen. Es ist ein Film mit doppelter Belichtung.
Das Ziel ist einmal das Tätervolk und das andere Mal der Horst. Es ist dasselbe
Ziel, hat aber nicht den selben Sinn. Was hat Horst mit dem Tätervolk zu
tun? „Er hat ja nichts getan mit seinen vier Jahren“. Er ist nicht
in Polen einmarschiert und wußte auch nicht, was ein Jude war. Aber um
ein Haar wäre ihm der Kopf abgerissen worden. Warum haftet der Horst für
Hitler? Hitler ist der einzige, den die Bombe unmöglich trifft, weil er
hinter vier Meter dicken Stahlbetonmauern hockt. Wer die Schuld trägt, den
erwischt es nicht, und wen es erwischt, der trägt keine Schuld.
VI. Schicksal
Begebenheiten, die von Kindern handeln, wurden mir sechzig Jahre später
von alten Menschen erzählt. Die seinerzeit Alten können nicht
mehr erzählen. Für die Rechtsnatur des Bombenkriegs ist es übrigens
einerlei, ob er Kinder erschlägt oder Eltern oder Großeltern.
Erstens vermag er solch feine Unterschiede nicht zu erkennen, wenn er eine
Stadt abreißt. Zweitens macht das Kriegsrecht keinen Unterschied
zwischen Baby-Zivilisten und Oma-Zivilisten. Die Piloten hingegen, die
ihre Befehle gelegentlich grimmig als baby-killing ironisierten, verargten
dem Bombenteppich seine stumpfe Blindheit. Dabei diente er u.a. ihrem Schutz.
Einen Burschen zum Piloten auszubilden ist teuer. Versucht er präzise
zu zielen, kostet es ihn Zeit, und fliegt er niedrigerer ist er selbst
ein Ziel. Fünfzig Prozent der Mannschaften fielen sogar bei ihren
groben Flächenbombardements dem Beschuß der Flak und Jagdflieger
zum Opfer. Die deutschen Städte verloren 1,5 % ihrer Einwohner. D.h.
der tödlichste Ort im Bombenkrieg ist der Bomber.
Halberstadt wurde am 8. April 1945 mit 550 Tonnen Brand- und Sprengstoffen
ruiniert. Ein kleiner Angriff hatte im Februar stattgefunden, und davon
handelt die Geschichte
von Hannelore und Evelyn, zwei Schülerinnen, die mir eine ältere Frau
in der Martinikirche am Ort erzählte. Sie war Hannelore. Mit dem Nachbarskind
Evelyn verband sie ganz besonders ein Spiel, das im Harz „Huckekästchen“ heißt.
Das Spielfeld wird mit Kreide auf das Pflaster gezeichnet, eingeteilt in Quadrate.
Im ersten Quadrat steht man auf einem Bein, neben dem Schuh eine bunte Glasscherbe.
Die Aufgabe ist, ein Quadrat weiter zu hüpfen und dabei die Scheibe voranzustoßen.
Rutscht sie in das nächste Quadrat, geht das Spiel weiter, rutscht sie in
das übernächste, so hat man verloren. Das richtige Quadrat ist das
Leben, das falsche der Tod.
In der Angriffsnacht saßen Hannelore, Evelyn und die ganze Nachbarschaft
im Keller, Hannelore auf einer hölzernen Soldatenkiste, die der Großvater
aus der Verdunschlacht nach Hause gebracht hatte. Auch die Großmutter saß auf
der Kiste, Evelyn daneben auf einem Stuhl. Oberhalb der Kiste, auf dem Fußboden
des Parterre stand ein schwerer Eichenschrank. Als die Bombe durch das Dachgestühl
sauste, von Stockwerk zu Stockwerk ein Loch in die Böden schlagend, federte
der Eichenschrank den Druck ab, jedenfalls blieb oberhalb der Kiste die Decke
heil. Der Durchbruch geschah knapp daneben, die Bombe bohrte sich tief in den
Kellerboden, riß dort einen Trichter, wohinein das Geröll und der
Staub von den oberen Stockwerken wirbelte. Kurz vor dem Einschlag war Evelyns
Mutter zu ihrem Kind getreten, um ihm etwas zu sagen, in Wahrheit, um es in den
Tod zu begleiten. Der Stuhl stand auf dem falschen Quadrat.
Evelyn wurde in die Tiefe gerissen, der Staub füllte ihr Augen und Nase,
Ohren und Mund. Hannelore zog der Druck von der Kiste, die am rechten Platz stand,
hinab in den Trichter, doch versank sie nur bis zur Hüfte. Die Großmutter
hielt sie fest unter den Achseln im Griff und so konnte sie nach einer Zeit ausgegraben
werden. Es sind die Körperöffnungen im Kopf, Mund und Nase, die den
Austausch mit der Welt regeln. Verschüttete Hüften und Beine lassen
noch Zeit übrig, wenn es den Griff gibt, der dem Sog des Trichters entgegenwirkt.
Erleidet Evelyn eine Strafe, welche Hannelore nicht verdient hätte? Sie
erleidet ein Schicksal. Die Bombe tötet wie der Amokläufer, mit absoluter
Willkür. Sie trifft vom Nazi-Reich allein die Städte, nicht die Dörfer
auf dem Land. Sie trifft nicht die gesamte Stadt, sondern Stadtviertel. In den
Vierteln vernichtet sie nicht jedes Haus und jeden Mieter. Selbst in der Dresdner
Altstadt, dem Feuersturmgebiet, betrug die Überlebensrate 10 : 1. Sie tötet
nicht Hannelore sondern Evelyn. Ihre Schuld ist das falsche Quadrat. Es gibt
dafür keine Voraussicht.
Eine Nürnbergerin fühlte sich Anfang 1945 unsicher in der Stadt der
Reichsparteitage. Sie wurde regelmäßig angegriffen und so würde
es weitergehen. Darum hielt sie Ausschau nach einer Stadt, möglichst weit östlich,
ohne kriegsrelevante Industrie und unwichtig genug, daß sie noch nie zuvor
angegriffen worden war. Aufgrund dieser richtigen Überlegungen fuhr die
Nürnbergerin Anfang Februar nach Dresden.
Nicht die Bombe wird mir zum Verhängnis, sondern die falsche Stelle.
Genau betrachtet ist die wahre Waffe des Bombardements gar nicht die Bombe sondern
die Stadt. Sie brennt und erzeugt damit Hitze und Gas, ihre Mauern stürzen,
ihr Boden tut sich auf und reißt mich hinab. Haus und Heimat bergen mich
nicht, sie ziehen mich ins Verderben, stehen mit dem Unheil im Bunde, sind mir
feindselig geworden. Eine Falle, überzogen mit Netzen von nicht erkennbaren
falschen Stellen, jede davon eine Schlinge. Hier darf ich keine Wurzeln schlagen,
Vertrauen schöpfen, zu Hause sein. Das Nachkriegsschicksal unserer Städte
und die Befindlichkeit der Nation mag einiges zu tun haben mit der Erfahrung
der Bombennächte.
VII. Der Scheiterhaufen
In Dresden hielt ich vor einigen Jahren einen Vortrag an der Gedenkstätte
für NS- und SED-Unrecht. Im Gespräch mit der Leiterin wurden
wir uns schnell darüber einig, daß es das westdeutschland- typische
Schuld-und-Sühne-Märchen in der DDR nie gegeben hat. Sie setzte
gradlinig Goebbels’ Vokabular von den anglo-amerikanischen Luftpiraten
fort. Sie waren dort keineswegs der fliegende Gerichtshof der Freien Welt,
der das Reich des Bösen abstrafte. Sie waren selbst Abgesandte eines
Reichs des Bösen, wie ihr Wirken mit bloßem Auge schon erkennen
ließ. Mit der feigen Menschenverachtung des Imperialismus richtete
diese Art von Krieg sich nicht gegen Bewaffnete sondern gegen Wehrlose,
zumal in den Arbeiterquartieren. Ich darf hinzufügen, daß mein
Buch in Indien oder Ägypten oder Japan oder Brasilien mit ganz ähnlichem
Vorverständnis gelesen wird. Daß Engländer und Amerikaner
sich der Gerechtigkeit und Freiheit geweiht hätten, halten die meisten
Menschen auf der Erde für einen traurigen Witz. Sie hielten und halten
diese Mächte für berechnende Gewaltherrscher; der Bombenkrieg
verzerrt nicht sondern enthüllt ihre Physiognomie. Kurz, man wird
soviel sagen dürfen: es handelt sich um umstrittene Nationen.
Als besonderes Wahrzeichen ihres Wirkens erachtete man in der DDR den Scheiterhaufen
auf dem Dresdner Altmarkt. An seiner Stelle, sagte mir die Gedenkstellenleiterin,
befinde sich heute eine Plakette im Pflaster. Auf dem Scheiterhaufen wurden in
der zweiten Februarhälfte 1945 über 9000 Bombenopfer verbrannt. Das
Klima erwärmte sich und die Kapazität der Stadt an Friedhofsplätzen
und Bestattern war überlastet. Zur Eindämmung der Seuchengefahr wählte
man die Verbrennungen.
Im Folgejahr weilte ich wieder zu einem Vortrag in Dresden, begleitet von einem
polnischen Fernsehteam, das festhalten wollte, wie sich die Deutschen als Opfer
entdeckten. Ich erzählte dem Team von dem Scheiterhaufen, den ein SS-Kommando
Streibl errichtet hatte. So etwas verlangt nämlich Erfahrung. Streibls Männer
hatten sie im Vernichtungslager Treblinka gesammelt. Die dort vergasten jüdischen
Opfer wurden auf einen aus Eisenbahnschienen montierten Rost gelegt.
Man kann dieses Zusammenhangs nicht inne werden, ohne an die Nemesis zu denken,
die griechische Rachegöttin. Dem polnischen Team leuchtete dies sogleich
ein und wir zogen an einem Spätnachmittag auf den Altmarkt, um die Stelle
zu filmen und die Plakette. Der Markt ist heute hauptsächlich ein Parkplatz
und wir mühten uns vergebens, sie irgendwo unter den Autos zu finden. Der
Scheiterhaufen mußte den seinerzeitigen Photographien zufolge in der Südostecke
gestanden haben, nicht weit von der Kreuzkirche.
Den Markt säumen Arkadengänge mit Geschäften und wir gingen in
eines, um ‚Auskunft zu erhalten über die Plakette. Es gehe um den
Scheiterhaufen, die Bombardierung, und man wußte auch sogleich Bescheid.
Aber eine Plakette gebe es nicht. Es handele sich um eine milchige Glasscheibe,
durch die nächtens ein Lichtstrahl dringe. Wir suchten nun die Scheibe,
doch umsonst.
Es wurde langsam dunkel und um die Sache zu beschleunigen, rufen wir im Presse-
und Informationsamt der Stadt an, es wußte sogleich Bescheid. Aber diese
Scheibe gebe es nicht. Man finde den Ort des Scheiterhaufens allerdings leicht,
denn es sei eine rußige Stelle im Pflaster zurückgeblieben. Schwer
vorstellbar nach über sechzig Jahren, aber wir suchen den Ruß, jedoch
vergebens. Die Nachforschung wird abgebrochen.
Am Abend komme ich nach dem Vortrag ins Gespräch mit einem Architekten,
dem ich die ergebnislose Suche berichte. Er weiß sogleich Bescheid, zumal
ihn die Stadt mit der Neugestaltung des Platzes betraut habe. Doch gebe es weder
Plakette, noch Scheibe, noch rußige Stelle. Doch habe neben dem Scheiterhaufen
ein inzwischen entfernter Laternenpfahl gestanden, um den herum seien die Pflastersteine
kreisförmig angeordnet gewesen. Daran lasse sich die Stelle erkennen. Man
habe ihn gebeten, dort nichts Unpassendes hinzustellen, ein Toilettenhäuschen
oder dergleichen.
Die Stätten des Bombenkrieges sind Gezeichnete. Sie sprechen von dem Geschehen,
doch ist die Sprache unverständlich und die Zeichen gibt es nicht. Nur das
Bezeichnete, Unnennbare gibt es. Es spukt, als suche es einen Platz unter uns.
Auf dem Altmarkt hat es ihn gefunden. Heute steht am Ort des Scheiterhaufens
eine weiße Stele.
VIII. Unter
den Trümmern
Die wahren Spuren des Bombenkrieges sind die Geschichten, die mündliche Überlieferung.
Nachdem mir so vieles erzählt worden ist, überlegte ich, ob ich
nicht auch etwas zu überliefern habe. Welche Spuren sich fänden
in meiner eigenen Kindheit. Meine Vaterstadt ist Essen, neben Berlin die
meistbombardierte Stadt. Ich bin dort 1948-49-50 in Mahnmalen aufgewachsen.
Jedes dritte Haus in unserer Straße war eine Ruine. Für uns
Kinder war dies etwas Natürliches, denn sie standen in Essen-West
und in den Nachbarstädten des Ruhrgebiets überall. Andererseits
war es etwas Unnatürliches. Kinder lärmen und unsere Straße
war laut, es wurde mit Milch und Eiern gehandelt, und mit Müll, von
einem sogenannten Klüngelspitt, der rief: „Lumpen, Eimer und
Papier – Allen Scheißdreck kaufen wir“.
Die Ruinen waren still. Jeder Laut war in ihrem Schatten erloschen. Doch waren
es gewesene Häuser. Sie kannten ein Vorher, das keine Fortsetzung gefunden
hatte. Am Fuße dieser Jugend lagen unbekannte Geschehnisse und die Überreste
ragten verkohlt in die Gegenwart. Stoff aus anderer Zeitrechnung. Anti-Materie,
schwarze Löcher, unbeschreiblich.
Von den Eltern war aus dieser Zeitrechnung nichts zu erfahren. Begreiflicherweise
wollten sie dort heraus und nicht hinein. Man schaut nicht in das ausgeglühte
Gomorrha. Die dafür übliche Wort-Chiffre hieß: ausgebombt. ’Aus’ heißt:
aus mit der Wohnung, aus mit dem Inventar, aus mit den Angehörigen. Was
im einzelnen, war nicht der Erwähnung wert. Denn aus ist aus, definitiv.
Das Interessante lag darin, daß längst nicht alles aus war. Die
Sintflut weicht, man war dageblieben, das meiste stand, fantastisch!
Neben den baulichen Ruinen gab es auch menschliche. Deutschland war übersät
davon. Einigen sah man es an, anderen nicht. Das sichtbarste waren die Feldheimkehrer
ohne Arme, ohne Beine. Auch darunter gab es Unsichtbare, die ohne Gesicht.
Sie wurden in Anstalten verwahrt. Meine Mutter hat welche gesehen, weil sie
daneben wohnte, ich nicht.
Zwischen Essen-Steele und Essen-Heisingen macht die Ruhr eine Schleife. Sie
mündet nun bald in den Rhein und beeilt sich. Grau-grün rauscht sie
an dem Uferschilf vorbei, an den Wasserrosen und wirft Strudel. Dort sollten
wir nicht baden gehen, denn sie zögen uns in die Tiefe.
Wenn man vom Vorort Überruhr nach Heisingen übersetzen wollte, wo
mein Onkel Heinz mit einer Beinlähmung aus dem I. Weltkrieg im Bette lag,
mußte man eine Fähre benutzen. Die Fähre war ein Holzkahn.
Den Fährmann rief man vom anderen Ufer herbei. „Franz, hol über!“ Franz
war ein sehniger Bursche von 16, 17 Jahren. Er war, wie man damals sagte, unter
den Trümmern gelegen und hatte dabei die Sprache verloren.
Durch das Wasser spannte sich ein Drahtseil. Mit einer kleinen Holzkeule zog
Franz den Kahn an dem Seil entlang, quer zur Strömung, ans andere Ufer.
Dabei versuchte er ständig zu reden. Die Kiefer mahlten und seine bleiche
welke Haut um den Mund faltete sich. Kehlige, dumpfe Laute kamen aus dem zuckenden
Gesicht, Wörtern ähnlich aber welchen?
Mein Vater, der ein jovialer Mann war, nahm die Sache von der heiteren Seite
und trieb Ratespiele, „Was sagst Du?“ Franz hat das diebisch gefreut,
denn er konnte meinen Vater perfekt verstehen. Alles hat sich schiefgelacht.
Wir verstanden nicht, nicht wie ihm war und was er mitteilen wollte. An das
andere Ufer konnte er uns holen, über die Strudel. Aber nicht in die schwarzen
Löcher, in das Dunkel unter den Trümmern, mit dem Staub im Mund.
Kann es nicht sein, dass auch die deutsche Nation noch irgendwie unter den
Trümmern liegt und auch die Sprache verloren hat. Sie will etwas sagen,
kriegt es aber schwer raus. Unsere gegenwärtige Welt ist eigentlich gut
zu schildern. Doch kommen wir aus einer Welt, für die es keine Worte gibt.
Nur mehr oder weniger schräge Umschreibungen. Das habe ich hier wieder
einmal versucht, und nun freuen wir uns an der Musik.
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