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Rede von Professor
em. Dr. Ernst Nolte, Berlin 
Verehrtes liebes Geburtstagspaar, sehr verehrte Frau Grieser, sehr geehrter
Herr Oberbürgermeister Remelé, liebe Mitglieder des Kuratoriums
der Erich und Erna Kronauer-Stiftung, meine Damen und Herren, Frau und Herr Kronauer haben in ihrem jeweils
achtzigjährigen Leben
und in den mehr als fünf Jahrzehnten ihrer Ehe nicht wenige erinnerungswürdige
Ereignisse zu verzeichnen, und einiges davon ist am heutigen Tage schon
erwähnt worden. Meine Aufgabe besteht darin, von der Entstehung
und der Geschichte der „Erich und Erna Kronauer-Stiftung“ zu
erzählen, sei es auch nur im knappsten Umriß.
Nichts hat so tief in das Leben von nahezu allen Angehörigen der
heute über achtzigjährigen Deutschen und vieler anderer Menschen
eingegriffen wie die Periode des Zweiten Weltkrieges und des nationalsozialistischen
Regimes. Die stärkste Herausforderung, vor welche die Nachdenklichen
unter ihnen sich gestellt sahen, war die Erklärung und die Deutung
dieses Phänomens, und das konnte offensichtlich nicht als ein bloß deutsches
verstanden werden. Der erste großangelegte Versuch einer adäquaten „Bewältigung“ war
die sogenannte Totalitarismustheorie, die vor allem den gemeinsamen Gegensatz
der beiden Bewegungen und Regime des Kommunismus und des Nationalsozialismus
gegenüber der „westlichen Demokratie“ herausstellte
und in Hannah Arendt sowie Carl Joachim Friedrich ihre bekanntesten Begründer
hatte. Von der Atmosphäre dieser Theorie, die ja zugleich auch die
Erfahrung der Feindschaft zwischen dem einst von der Sowjetunion eroberten
bzw. besetzten Teil Deutschlands, der kommunistischen DDR, und der „freiheitlichen
Demokratie“ der Bundesrepublik Deutschland in sich schloß,
sind sowohl Herr Kronauer wie ich in unseren Anfängen bestimmt gewesen.
Herr Kronauer konnte nach 1945 auf eine betontermaßen nationale
Erziehung zurückblicken, und der Gegensatz zwischen den einfachen
Linien dieser keineswegs bloß nationalsozialistischen Auffassung
und den bestürzenden Erfahrungen und Berichten, die sich vornehmlich
auf den „Holocaust“ der Juden in der zweiten Hälfte
der Kriegszeit bezogen, wurde ihm ohne Zweifel schmerzlich bewußt.
Er störte ihn jedoch nicht bei der entschlossenen Suche nach einer
beruflichen Position, die ihn schon im Alter von 37 Jahren zum Vorstandsmitglied
der Weltfirma „Fichtel & Sachs in Schweinfurt machte. Ich hatte
als der acht Jahre Ältere von einem anderen Ausgangspunkt aus al
Kandidat für das Lehramt mit der Geschichte des Nationalsozialismus
beinahe Professionell, aber doch nur dilettantisch zu tun. In den Jahren
von 1959 bis 1963 schrieb ich als Studienrat für Deutsch und Griechisch
neben meiner Berufstätigkeit das Buch „Der Faschismus in seiner
Epoche. Die Action francaise – der italienische Faschismus – der
Nationalsozialismus“, das viel stärker, als es in der „strukturellen“ Totalitarismustheorie
der Fall war, den historischen Gegensatz zwischen den beiden ideologischen
Hauptmächten eines „europäischen Bürgerkriegs“ herausarbeitete.
Es machte mich weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannt und
hatte die Berufung auf einen Lehrstuhl für Neuer Geschichte in Marburg
zur Folge. Dort und wenig später in Berlin wurde ich tief in die
Turbulenzen der sogenannten Studentenbewegung einbezogen, und es wurde
mir bald evident, daß die „rebellischen Studenten“ von der Sehnsucht nach en einfachen Linien der Geschichtsdeutung
erfüllt waren, die ja lange vor dem Nationalsozialismus auf ganz andersartige
Weise vom Marxismus entwickelt worden waren.
Obwohl das Wiederaufgreifen des Begriffs „Faschismus“ von diesen
Studenten sehr positiv aufgenommen wurde, wurde es mehr und mehr augenfällig,
daß sie einer Konzeption feindlich gesinnt sein mußten, die
den Faschismus vornehmlich als Re-aktion auf den Marxismus und den seit
1917/18 Russland totalitär beherrschende Bolschewismus verstand, welcher
nicht nur den Adel und „die Bourgeoisie“, sondern auch das
Kleinbürgertum und die wohlhabenden Bauern, die „Kulaken“ vernichtet
hatte, zwar nur „sozial“, jedoch gutenteils auch physisch.
Insofern schloß sie ein gewisses Verständnis für den Faschismus
und auch den Nationalsozialismus in sich, und dadurch wurde die wie selbstverständlich
vorgenommene Aufteilung der Welt in „das Gute‘“ und „das
Böse“ unmöglich gemacht. Endgültig wurde das in dem „Historikerstreit“ der
Jahre ab 1986, innerhalb dessen mir nun auch von zahlreichen Kollegen und
Publizisten der Vorwurf der „Relativierung“ des Nationalsozialismus
gemacht wurde, der in der Sache eine Verneinung des wissenschaftlichen
Postulats des In-Beziehung-Setzens, der Relationierung, und faktisch eine „Verharmlosung“ des
Bolschewismus bedeutete.
Ich muss gestehen, daß es mir zunächst nicht besonders aufgefallen
ist, daß unter den vielen Zuschriften, die ich erhielt, sich schon
Anfang 1988 ein Brief von Herrn Erich Kronauer befand, der Zustimmung zu
meinen Konzeptionen zum Ausdruck brachte. Bald darauf erfolgte infolge
glücklicher Umstände die in der Bundesrepublik fast schon aufgegebene „Wiedervereinigung
Deutschlands“, und es sah so aus, als habe die Totalitarismustheorie
einen großen Sieg davongetragen. Aber offenbar hatte Herr Kronauer
ein ähnliches Empfinden wie ich selbst, nämlich daß die
Wiedervereinigung auch den Anhängern der mythologisierenden Vorstellung
vom‚ „absoluten Bösen“ des Nationalsozialismus große
Vorteile verschafft hatte, weil nun für die wiedervereinigten Deutschen
das oberste Gebot lauten konnte, ja vielleicht lauten mußte: nur
ja nicht „aufzutrumpfen“, sondern sogar noch mehr als früher
den Einklang mit „den Siegern“ herauszustellen, zu denen natürlich
trotz des Endes der Sowjetunion im Jahre 1991 auch die Bolschewiki gehörten.
Aus dieser Sorge resultierte offensichtlich schon der Brief von Herrn Kronauer
an mich vom Ende Juli 1995, in dem er davon sprach, wie wohltuend meine
Stimme in dem „gegenwärtigen Deutschland der verzerrten und
einseitigen Sicht der Geschehnisse des 20. Jahrhunderts“ sei. Diesmal
riss der Faden nicht mehr ab, und in einem Brief vom 21. Juli 1999 findet
sich der Satz: „Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit dem
Gedanken, eventuell eine Stiftung für angehende Historiker zu machen“,
deren Zweck darin bestehen solle, durch die Förderung junger Historiker „der
Vernichtung des deutschen Geschichtsbewußtseins entgegenzuwirken“.
Von dem, was daraus folgte, brauche ich nur das Elementarste zu erwähnen,
denn es spielte sich vor den Augen der Schweinfurter Öffentlichkeit
ab.
Am 14. Oktober 200 erhielt Dr. V o l k e r K r o n e n b e r g in der Rathausdiele
von Schweinfurt der ersten, mit 20000 DM dotierten Preis der Stiftung für
sein Buch „Ernst Nolte und das totalitäre Zeitalter. Versuch
einer Verständigung“. Ihm waren im Seminar von Professor Funke
in Bonn von Mitstudenten große Schwierigkeiten gemacht worden, als
er eine Vorarbeit in Form eines Referats vortragen wollte. Der Preis galt
ebensosehr seiner tapferen Selbstbehauptung wie den einleuchtenden Gedankengängen
des im Verlag Bouvier in Bonn publizierten Buches.
Am 27. Oktober 2001 folgte als Preisträger Herr Privatdozent Dr. B
o g d a n M u s i a l , und der Titel seines Buches hieß: „‘Konterrevolutionäre
Elemente sind zu erschießen‘. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen
Krieges im Sommer 1941“; es handelte also von einer Brutalisierung,
die n i c h t ausschließlich von der deutschen Seite ausging.
Im Oktober 2003 war der Preisträger Herr Privatdozent Dr. F r i e
d r i c h P o h l m a n n für sein Buch „Ideologie und Terror
im Nationalsozialismus“. In seiner Dankrede verlangte Herr Pohlmann
die Stärkung des „Bewusstseins eigener Verführbarkeit“,
wodurch die Abschiebung der Verantwortung auf einige „Täter“,
aber auch die einseitige Belastung „der Deutschen“ vereint
wird.
Im Mai 2006 wurde der Preis an Herrn Privatdozent Dr. H a n s – C
h r i s t o f K r a u s verliehen, der als ausgeprägter Gelehrter
nur wenig über den Nationalsozialismus geschrieben´, aber als
herausragender Kenner des deutschen Konservativismus ihm eine Tiefendimension
zuerkannt hatte, die in den verbreiteten Anklagereden gegen „Preußen“ als
solches und im ganzen nicht zum Vorschein kommt.
Im November 2008 ging der Preis an einen Iren, der in den USA lehrt, Herrn
Privatdozenten D o n a l O´S u l l i v a n , dessen Buch „Stalin´s
Cordon sanitaire“ der sowjetischen Politik nach dem zweiten Weltkrieg
gewidmet ist. Professor Arnulf Baring hielt dazu eine bemerkenswerte Laudatio
und stellte sich in die Reihe der Laudatores von den Professoren Funke,
Jacobsen und Möller sowie Frau Seebacher-Brandt.
Die Laudatio für den bisher letzten Preisträger, Herrn Dr. J ö r
g F r i e d r i c h , hielt Dr. Lorenz Jäger von der FAZ – für
einen freien Autor, der mit seinem Buch „Der Brand“ ein bisher
von der Wissenschaft kaum je behandeltes Thema gewählt hatte, nämlich
die terroristische Luftkriegsführung der „Westalliierten“ gegen
die deutsche Zivilbevölkerung.
Ich meine, daß Herr und Frau Kronauer sehr zufrieden sein dürfen,
wenn sie auf diese kleine Gruppe von „jungen“, d.h. noch nicht
auf einen Lehrstuhl gelangten Autoren blicken, deren Bücher wesentlich
dazu beigetragen haben, ein Gegengewicht zu der in Deutschland auf sehr
einseitige Weise vorherrschenden, wenngleich gewiß verständlichen
Tendenz zu bilden, die Auffassung der Sieger ohne ernsthafte Prüfung
zu übernehmen und der „linken“ Konzeption des uneingeschränkten
Globalismus unter Verdrängung des ebenso bedeutsamen historischen
Rechts von Nationen und Kulturen ein „absolutes“ Recht zuzuschreiben.
All das wäre ohne das nimmermüde, über die Preisverleihungen
noch hinausgehende Engagement von Herrn und Frau Kronauer nicht möglich
gewesen, und ich erhebe - symbolisch – mein Glas auf das Stifterehepaar
und alle diejenigen, die an diesem Engagement tätigen Anteil genommen
haben, nicht zuletzt auf die frühere Oberbürgermeisterin Frau
Grieser und den gegenwärtigen Oberbürgermeister Herrn Remelé sowie
die Mitglieder des Kuratoriums der Stiftung.
Ernst Nolte
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