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Tischrede Wilhelm
Böhm, Oberstudiendirektor i.R. Schweinfurt  Meine sehr verehrten Damen, meine Herren,
als Sprecher des Kuratoriums der Erich und Erna Kronauer-Stiftung
wage ich es, geistreich-muntere Gespräche zu unterbrechen für
einige Gedanken, die einem alten Weggefährten an einem solchen
Tag in den Sinn kommen.
So haben also auch Erich und Erna Kronauer das volle biblische Alter
erreicht, gemeinsam Hand in Hand, - und so stark ist diese Gemeinsamkeit,
dass die beiden in ihrer Einladung die Jahre zusammenrechnen: 80+80=160!
Mathematisch vielleicht etwas zweifelhaft, doch menschlich - psychologisch
einleuchtend und höchst erfreulich. Zwei Menschen haben hier ihre
Wege ineinander verschlungen, wurden eine Einheit, spendeten sich gegenseitig
Kraft und Mut. Und so sind sie mutig, frisch und liebenswert geblieben.
Also – Gratulation zum 160sten!
Friedrich Rückert, Dichter und Orientalist, wurde in der alten Reichsstadt
Schweinfurt geboren, und gerne würzen Schweinfurter Redner ihre
Texte mit Rückertzitaten. So jetzt auch ich.
In seinem Gedicht „Greisengesang“, das Franz Schubert wunderbar
vertonte, gibt Rückert dem Menschen, der biblischem Alter entgegengeht,
Ratschläge.
Am Schluss ruft er ihm zu:
„Herr des Hauses, verschließ Dein Tor,
dass nicht die Welt, die kalte, dring ins Gemach,
Schließ aus den rauhen Odem der Wirklichkeit,
und nur dem Duft der Träume gib Dach und Fach!“
Diesen Rat Rückerts, des Einsiedlers von Neuses, folgten Kronauers
keineswegs. Als Erich Kronauer seine bedeutende, zeit- und kraftraubende
Tätigkeit in
der Schweinfurter Großindustrie beendete, wandte er sich mit Energie und
Leidenschaft einem Arbeitsfeld zu, das ihn und seine liebe Frau schon früh
gefesselt hatte: der Geschichte seiner Zeit, der Epoche der totalitären
Weltanschauungen, Bewegungen und Staaten. In seiner Jugend war er selbst noch
Zeuge dieser Zeit gewesen.
Kronauers konnten sich mit der Darstellung dieser Epoche,
mit der neueren Tendenz der Geschichtsforschung und Geschichtslehre mit
ihren Einseitigkeiten und politischen Vorgaben, nicht zufriedengeben.
Sie wollten die Wahrheit
erfassen, die komplexer und vielschichtiger ist als ideologisch ausgerichtete
Vereinfachungen.
Im Jahre 1941 schrieb der in den USA im Exil lebende Historiker Golo
Mann eine Studie „Über den Missbrauch der Geschichtswissenschaft“: „Vereinfachung
ist der Tod der geschichtlichen Wahrheit, und der Historiker, der ihr
nachgibt unter dem Druck gegenwärtiger Not, ist kein Historiker,
sondern ein Pamphletist“ – also ein Verfasser von Pamphleten,
von Schmäh-, Hetz-, und Propagandaschriften, auch Ausstellungskatalogen.
Herr Professor Ernst Nolte, der große Kenner des Totalitarismus
in seiner Epoche, der Anreger, Berater, Freund der Familie Kronauer,
hat heute in seinem Vortrag in der Rathausdiele die Entwicklung der Kronauer-Stiftung
beschrieben, in einen weiten zeitgeschichtlichen Zusammenhang gestellt
und die Arbeit der Stiftung im Laufe der zehn Jahre ihres Bestehens geschildert.
Die Stiftung, ganz von privaten Mitteln der Familie Kronauer getragen,
hat in erstaunlichem Umfang kritische Forschungsarbeit gefördert.
Die Stadt Schweinfurt – Frau Oberbürgermeisterin Grieser – erwies
sich stets als toleranter, helfender Partner. Auch ihr Nachfolger, Herr
Oberbürgermeister Remelé, zeigt sich für geschichtliche
Forschung aufgeschlossen. Die interessierten aber erlebten eine Reihe
von hochrangigen Veranstaltungen, gestaltet durch bedeutende und interessante
Wissenschaftler. Liebe Erna, lieber Erich, mit unserem Dank für diese Bemühungen
und Leistungen verbinden wir unsere herzlichsten Glückwünsche
zum doppelt – dreifachen Geburtstag (80+80+10). Wir wünschen
euch Glück, Gesundheit und Kraft, das neue Lebensjahrzehnt tätig
wirkend zu durchschreiten, eine glückliche Hand, Neues zu beginnen,
Angefangenes zu vollenden. Persönliche Geschenke habt ihr euch verbeten, erbeten habt ihr
Hilfen für die Sache, für euer Werk.
Ich möchte euch aber doch eine symbolische Erinnerung an diesen
festlichen Tag überreichen, eine Ehrenplakette, wie sie um 1930
von der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin (KPM) für verdiente
Persönlichkeiten als Dankgabe geschaffen wurde. Die Platte aus
weißem Biskuitporzellan zeigt ein Miniaturporträt Friedrichs
des Großen, des Gründers der Manufaktur. Darunter steht ein
Text des Königs, der zu dem heutigen Anlass passt, spricht er doch
vom Leben des Menschen, von Dauer, Sinn und Aufgabe:
„Unser Leben führt uns mit raschen Schritten von der Geburt
bis zum Tode. In dieser kurzen Zeitspanne ist es die Bestimmung des Menschen,
für das Wohl der Gemeinschaft, deren Mitglied er ist, zu arbeiten.“ Liebe Erna, lieber Erich, ihr habt, dem testamentarischen Wunsche des
Königs entsprechend, für die Gemeinschaft gearbeitet, und ich
wünsche euch eine lange, lange glückliche „Zeitspanne“,
euer Werk zu vollenden. Wilhelm Böhm
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