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ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

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Laudatio Prof. em. Dr. Ernst Nolte   Druckansicht

wegen Krankheit verlesen von OStD. und Sprecher des Kuratoriums Wilhelm Böhm

Prof. Dr. Günter ScholdtMeine Damen und Herren,

ich entschuldige mich bei Ihnen und vornehmlich bei Herrn Scheil, dass diese Laudatio für den diesjährigen Preisträger der "ERICH und ERNA KRONAUER-STIFTUNG" aus zwingenden, nämlich altersbedingten Gründen zugleich ein indirektes "letztes Wort" zu meinem eigenen Werk darstellt.

So darf ich Sie um einige Geduld bitten.....

Ich werde im folgenden das Werk von Stefan Scheil hauptsächlich unter einem bestimmten Gesichtspunkt betrachten, demjenigen des "Revisionismus", der als solcher nicht ausreicht, sein gesamtes Werk einzubeziehen, der aber zweifellos berechtigt ist, denn Herr Scheil hat gerade in seinen jüngsten Büchern, über den "Präventivkrieg Barbarossa" und über "Polen 1939" unzweideutig seine Übereinstimmung mit in weiterem Sinne "revisionistischen" Ansätzen und Schriften erkennen lassen. Ich verwende diesen Begriff "Revisionismus", obwohl er inzwischen zu einem wahren "Schreckenswort" für zahlreiche Menschen geworden ist, weil man keinerlei Unterscheidungen im Begriff des "Revisionismus" vornimmt und naiverweise aus leicht erkennbaren Emotionen und Interessen heraus die Vermutung anstellt, die "Revisionisten" würden am liebsten Adolf Hitler und die NSDAP wieder zum Leben erwecken.

Um diesen Eindruck zu widerlegen, werde ich zunächst einen flüchtigen Überblick über die meist auch ausdrücklich als "revisionistisch" bezeichneten Beispiele geben und die Frage nach deren wesentlichen, recht unterschiedlichen Kennzeichen aufwerfen, um dann auf das Werk von Herrn Scheil einzugehen.

Am bekanntesten wurde der Terminus "Revisionismus" durch die Kritik, welche selbstkritische Marxisten, z.B. Eduard Bernstein, an dem "orthodoxen" Marxismus von Marx und Engels übten. Sie stellten zentrale Begriffe dieser Konzeption in Frage: die Begriffe der Einheitlichkeit eines "Weltproletariats", der zur Revolution treibenden "Verelendung" der Arbeiterschaft in den industrialisierten Ländern, der Unausweichlichkeit einer "Weltrevolution" u.s.w. Die Revisionisten betrachteten vieles als positiv, was die "Orthodoxen" anklagten, nämlich die Beteiligung von Sozialisten an "bürgerlichen" Regierungen, sie setzten Reformen an die Stelle der Revolution. Dieser "Revisionismus" oder "Reformismus" führte zu einer späteren Trennung von "sozialdemokratischen" und "kommunistischen" Parteien innerhalb der marxistischen Bewegung. Zunächst nur ideelle Kritik innerhalb eines Ideengebäudes, entfaltete der "Revisionismus" sich zum politischen Gegensatz staatlicher Regime, auf der einen Seite der kommunistischen Sowjetunion seit der "bolschewistischen Revolution" vom Herbst 1917, auf der andern der deutschen "Weimarer Republik", sowie deren älteren Entsprechungen im Westen, die sich als Vorhut der fortschrittlichen, zivilisierten, liberalen Welt dem sowjetischen Russland entgegenstellten.

Aber eine "revisionistisch" zu nennende Bewegung hatte es in der politischen und historischen Welt schon vorher gegeben, nämlich nach dem Siege der amerikanischen Nordstaaten über die "separatistischen" Südstaaten in dem schrecklichen "Bürgerkrieg" der Jahre von 1861 bis 1865. Für die entschiedensten Vorkämpfer des Nordens handelte es sich um die welthistorische Auseinandersetzung zwischen der Lehre von der Freiheit aller Menschen auf der einen Seite und der Doktrin von der Legitimität der Sklaverei in Folge des gottgewollten Rangunterschieds zwischen der weißen und der schwarzen Rasse auf der anderen. Insofern ging es in den Augen der nördlichen Liberalen unter der Führung von Abraham Lincoln um den Kampf zwischen einem guten und einem bösen Prinzip, und der Sieg der "Freiheit" musste den Weg zu einer "freiheitlichen" Welt bahnen.

Freilich gelang die Vernichtung der "sklavenhaltenden" führenden Schicht des Südens nicht, und die überlieferten Verhältnisse in den Südstaaten stellten sich zunächst zu erheblichen Teilen wieder her, wenngleich ohne Sklaverei. Und an der Columbia University in New York bildete sich eine Schule von Historikern um William Archibald Dunning, welche die liebenswürdigen Züge des "alten Südens" hervorhob: die höhere Kultur und die "menschlichen" Merkmale selbst innerhalb der Sklaverei. Dieser Revisionismus erstrebte indessen keine politische Wiederherstellung der Vorkriegsverhältnisse; er gehörte also zu den "ideellen" oder "historischen" Revisionismen.

Ganz anders stand es um die "deutschen Revisionisten", die nach der bis fast zuletzt ungewissen Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg die alliierte These von der "Alleinschuld" Deutschlands leidenschaftlich kritisierten. Sie waren die militante Spitze einer Grundtendenz der deutschen Publizistik und Historiographie der "Weimarer Republik", und einige ihrer Tendenzen waren zugleich die offizielle Linie der deutschen Politik. Das galt vornehmlich für die Ablehnung der im "Diktat" von Versailles zugunsten Polens vorgenommenen territorialen Veränderungen, insbesondere des sogenannten "Korridors", der das Deutsche Reich in zwei ungleiche Hälften teilte. Aber das merkwürdigste war, dass sich auch bekannte nicht-deutsche Historiker wie etwa die Amerikaner Harry Elmer Barnes und Charles Tansill auf die Seite dieses Revisionismus stellten. Die meisten der deutschen Verfechter konnten sich aber schwerlich dem Verdacht entziehen, tatsächlich eine reale Veränderung zwecks vollständiger Wiederherstellung des "alten Deutschland" vor Versailles zu erstreben und also zu dem "praktischen Revisionismus" zu gehören, der in Frankreich nach der Niederlage von 1870/71 wegen des Verlustes des Elsaß selbstverständlich gewesen war.

Das nahm sich in Deutschland umso gefährlicher aus, als eine neue und bald auf spektakuläre Weise erfolgreiche Partei unter Adolf Hitler sich diesen praktischen Revisionismus (Überprüfung eines Zustandes und Richtigstellung durch die Tat) auf freilich halbversteckte Weise zu eigen machte. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 musste daher unter den Siegern des Ersten Weltkriegs große Beunruhigung auslösen, und der Gedanke, diese Gefahr durch einen präventiven Angriff gegen Deutschland zu beseitigen, fand einflussreiche Befürworter, nicht zuletzt den polnischen Staatschef Joseph Pilsudski.

Aber es gab noch einen anderen und mindestens ebenso wichtigen, einen "übernationalen" Aspekt des Nationalsozialismus: den radikal antikommunistischen Aspekt. Für ihn war die Aussage Hitlers entscheidend, nur eine soziale Bewegung, die über einen entgegengesetzten "Katechismus", einen "Glauben", eine Ideologie verfüge, könne diese weltbedrohende Gefahr erfolgreich entgegentreten.

Die offenkundige, sei es auch nur partielle Übereinstimmung mit den verbreiteten und ganz "natürlichen" Tendenzen im übrigen, dem Bolschewismus feindlichen Westen, brachte Hitler anfänglich nicht wenig an Sympathien unter den einstigen Siegern ein, zeitweise sogar bei Churchill. Hitlers fast unglaubliche Triumphe des Jahres 1938/39, der fast vollständige Wiedergewinn der Gebiete des früheren "Deutschen Bundes" einschließlich der Tschechen in Böhmen, wäre ohne diese Sympathien trotz der unübersehbaren Gegentendenzen nicht möglich gewesen. Niemand weiß, wie die Weltgeschichte verlaufen wäre, wenn Polen dem zögerlich erteilten englischen Rat gefolgt wäre, die Vorschläge Hitlers anzunehmen oder mindestens zu erörtern. (Danzig)

Zu den entscheidenden Faktoren gehörte dazu noch der Umstand, dass Hitler, wenn er auf die gleiche Ebene wie der bolschewistische Todfeind gelangen wollte, einen ebenso internationalen Hauptfeind vor sich haben musste, wie ihn der Bolschewismus im "Kapitalismus" und in der individuellen und kollektiven "Besitzgier" besaß. Diesen Hauptfeind glaubte Hitler im "Judentum" identifizieren zu können, das für ihn nicht, wie für die Alliierten, eine kleine und hilflose Minderheit war, sondern eine weltgeschichtliche Größe. So wurde schließlich der "Holocaust" zu einer der Hauptursachen von Hitlers definitiver, unabänderlicher Niederlage.

Noch ein "Revisionismus" sei erwähnt: nach 1945 entwickelte sich gegenüber dem Bild des kriegssüchtigen und allzerstörenden Despoten Hitler ein "Revisionismus" eigener Art, der zunächst wie bei A.J. P. Taylor und später bei Hans Mommsen weiter nichts war, als der Wille, das Bild von der "Alleinschuld" Hitlers zu ersetzen durch den Blick auf die Gesamtschuld der führenden Schichten Deutschlands oder sogar des deutschen Volkes.

 

Ich fasse zusammen:

Im Kern der Sache ist die Kennzeichnung des "Revisionismus" einfach, und sie könnte durch eine Menge anderer Beispiele erweitert werden.

"Revisionismus" kann in einer genuinen Religion oder Ideologie nicht akzeptiert werden. Der revisionistische Marxismus Eduard Bernsteins hat sich rasch zu einer eigenen Schule entwickelt; ein anerkannter leninistischer Revisionismus hat nie existiert, wurde unterdrückt. Kein Totalitarismus hat jemals einen in seinem Umkreis entstandenen Revisionismus anerkannt. Ein solcher Totalitarismus, eine solche Quasi-Religion hätte dadurch auf ihr Eigentümlichstes verzichtet, nämlich den wesenserklärenden Griff nach dem Ganzen der Welt, der die Anhänger zu "Gläubigen" macht. "Wissenschaft" aber ist etwas anderes als "Glaube". Wissenschaft akzeptiert unterschiedliche Umstände und Überzeugungen und will sie gegeneinander abwägen. Sie stützt sich nicht auf einen Glauben, so sehr sie dessen Bedeutung und Größe anzuerkennen bereit ist.

Im staatlichen Bereich hat sich so ein "liberales System" ausgebildet, hauptsächlich nur in Europa. Es konstatiert die Endlichkeit und Unvollkommenheit aller Einzelnen und setzt seine Hoffnungen nur auf die Zusammenarbeit und wechselseitige Ergänzung der Individuen. Daher muss das liberale System alle mit Erlösungsansprüchen auftretenden Ganzheitslehren zurückweisen.

 

Hier ist der Punkt, von dem aus von Stefan Scheil gesprochen werden muss. Herr Scheil ist in seinem Studium in Mannheim von der dort stark präsenten Wissenschaftstheorie geprägt worden, den kritischen Rationalismus, der mit dem Namen Karl Popper und Hans Albert verbunden ist. Der kritische Rationalismus geht davon aus, dass jede geltende Auffassung auch bezweifelt werden kann und sich immer wieder einer Prüfung ("Revision") unterziehen muss. Er ist gewissermaßen eine philosophische Form des eben skizzierten Liberalismus.

Scheils erstes Buch, das weithin bekannt wurde, trägt den Titel "Logik der Mächte - Europas Problem mit der Globalisierung der Politik". Es erschien 1999 im Verlag Duncker & Humblot - im Prinzip fügte es sich also ohne weiteres in die Fragestellungen und Thematisierungen der gegenwärtigen Geschichtsschreibung ein. Aber schon im Vorwort liegt ein kritischer Akzent auf der Zusammenfassung der herrschenden Tendenz: "Zugespitzt formuliert: Da in Deutschland Adolf Hitler regierte, musste es früher oder später zum Krieg kommen" (S.8). Diese These habe sich während seiner Untersuchung als "durchaus fragwürdig" erwiesen, und so sei dieses Buch als ein Versuch über die Logik des europäischen Konzerts der Mächte und als ein "Experiment" mit der Frage entstanden, "ob sich dessen bisher stärkste Katastrophe nicht aus einer anderen Perspektive kohärent verstehen" lasse (S.9). Es handelt sich also nicht um die Aufstellung einer revisionistischen These, sondern um einen Denkversuch, welcher gewöhnlich unberücksichtigte Feststellungen und Beobachtungen einbezieht, wie etwa diejenige, Polen habe die Rolle einer Vormacht in Ostmitteleuropa erstrebt (S.33).

Was Hitler angeht, so ist für Scheil, was Benz nicht bekannt ist, eine der bedeutendsten Quellen das "Hossbach-Protokoll" aus dem Jahr 1937. Dort sei deutlich zu erkennen, "wie begrenzt die Ziele Hitlers - zu dieser Zeit - waren und wie sehr seine Wünsche nach der Angliederung Österreichs und der Tschechoslowakei dem Ziel dienten, von dem sich auch andere Besiegte des Ersten Weltkrieges wie Ungarn leiten ließen, nämlich die frühere Größe und Bedeutung des Landes wiederherzustellen. Das Grundpostulat dieser Hitlerischen Konzeption sei im Sommer des Jahres 1939 erfüllt gewesen und es habe nur noch eine Kleinigkeit gefehlt, nämlich die Regulierung der Streitfrage mit Polen hinsichtlich des durch Versailles zu einem Mandat des Völkerbundes gemachten Danzig und der extraterritorialen Verbindungen mit Ostpreußen durch den Korridor hindurch.

Aber mit Polen stieß Hitler nicht auf ein kleines und vorsichtiges Volk, sondern auf einen Staat mit Großmacht-Ambitionen, dessen Berliner Botschafter Josef Lipski am 31. August 1939 immer noch davon überzeugt war, dass polnische Truppen während der nächsten Tage auf Berlin marschieren würden. Die Schlussfolgerung scheint ins Auge zu springen: die Selbstüberschätzung und Traditionsverbundenheit seiner Gegner hinderten Hitler 1939 daran, die von ihm 1937 konzipierte Geschichte der deutschen Wiederherstellung zu vollenden (durch die Rückkehr Danzigs ins Reich).

Als Experiment ist Scheils Skizze Hitlers und des Nationalsozialismus als der deutschen Wiederherstellungsbewegung von hohem Interesse, denn nichts ist gegenüber vorherrschenden Konzeptionen wichtiger als das Erwägen anderer Möglichkeiten der Interpretation, und das Buch "Logik der Mächte" rechtfertigt durch sich selbst die Verleihung des Preises der Stiftung.

Aber diese Skizze ist zugleich ein Projekt, und diesem großen Projekt hat sich Herr Scheil in mehreren Ansätzen und mit souveräner Quellenkenntnis in seinen folgenden Büchern gewidmet wie etwa in dem Buch von 2003 "Fünf plus zwei" und demjenigen von 2007 "1940/41 Die Eskalation des Zweiten Weltkrieges". Hier wird der Revisionismus deutlicher als in dem ersten Buch.

Aber revidiert werden nicht nur bekannte Thesen der Alliierten, sondern einige Annahmen der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung, und mit einem Körnchen Salz könnte man von einem "doppelten Revisionismus" sprechen. Auch dem Antirevisionismus, der heute in Deutschland vorherrschenden öffentlichen Meinung, wird keineswegs nur polemische Aufmerksamkeit geschenkt. Ganz eindeutig kritisiert wird indessen die immer wieder hervortretende Tendenz, den menschlichen Feind zu dem "absoluten Bösen" zu zählen, denn die führt zwangsläufig zu jener neuartigen Gestalt des "liberalen" oder pseudo-liberalen Totalitarismus, der in der Bundesrepublik Deutschland unübersehbar in Erscheinung tritt.

 

Dieser Revisionismus kommt auch in den beiden kleinen Büchern von Stefan Scheil zum Vorschein, welche bereits erwähnt worden sind: in den Untersuchungen "Präventivkrieg Barbarossa" und "Polen 1939".

Die erstgenannte Arbeit gelangt zu dem Ergebnis: "Wenn das Unternehmen Barbarossa nicht als Präventivkrieg eingestuft werden kann, hat der Begriff "Präventivkrieg" überhaupt seinen Sinn verloren". Scheil wendet sich also mit Entschiedenheit gegen die verbreitete These vom deutschen "Überfall auf die Sowjetunion", die ja in der Tat die Bedeutung und den Charakter des weltrevolutionären Willens der Sowjetunion außer Acht läßt, herabsetzt. Die westlichen Vertreter dieser These nehmen nahezu alle, anders als Scheil, eins der wichtigsten Dokumente des genannten Zeitraums nicht ernst, ja, sie verfälschen dessen Sinn, nämlich Hitlers geheime "Denkschrift zu den Aufgaben eines Vierjahresplanes" vom Sommer 1936, wo der deutsche Diktator gefordert hatte, Deutschland müsse in vier Jahren "kriegsfähig sein". Aber kaum je wird die vorhergehende Begründung zitiert: "Die militärischen Machtmittel dieses (sowjetkommunistischen) Angriffswillen steigern sich dabei von Jahr zu Jahr.....Gegenüber der Notwendigkeit der Abwehr dieser Gefahr haben alle anderen Erwägungen als gänzlich belanglos in den Hintergrund zu treten".

Hier erscheint Hitler nicht als der nationale oder nationalistische Wiederhersteller Deutschlands, sondern als der zu einer siegreichen Defensive entschlossener Verteidiger des Okzidents gegen einen zugleich ideologischen und skrupellosen Angriffswillen, und Hitler würde wohl auch in der etablierten Geschichtswissenschaft als verstehbar erscheinen, wenn er nicht mit der Übernahme der Vorstellung von einem bedingungslosen und totalen Vernichtungskrieg gegen den Bolschewismus die Grenze überschritten hätte, die das Wesen des zu verteidigenden liberalen, humanen Liberalen Systems ausmachen.

Aber es wäre falsch, den Nationalsozialismus als bloße Nachahmung des Bolschewismus zu verstehen und den wesentlichen Unterschied zwischen der sozialen und der biologischen Vernichtung nicht zu beachten. Im "Rassenkampf", liegt die furchtbare "Einzigartigkeit" der nationalsozialistischen Judenvernichtung.

Verwunderlicher als die Herabsetzung ideologischer Motive ist in dem überwiegenden Teil der heutigen Literatur der Mangel an Kenntnissen - oder wohl besser der Mangel an Darbietung von Kenntnissen - über die Vorgeschichte einzelner "Überfallener" wie etwa Polens. Unter dem Regime der Nachfolger Pilsudskis war Polen für seine Minderheiten kaum weniger unterdrückerisch als das nationalsozialistische Deutschland. Der primär "national", d.h. machtpolitisch orientierte Revisionismus macht deutlich, dass historisches Recht und historisches Unrecht in der "Epoche der Weltkriege" nicht so eindeutig und einseitig verteilt waren, wie die heute weithin übliche Interpretation annimmt.

So gewiß es Überschneidungen zwischen dem ideellen oder historischen und dem "praktischen" Revisionismus gibt, so bleibt doch eins unbestreitbar: Der praktische Revisionismus gehört in den Bereich der Politik, und der ideelle oder historische Revisionismus wie derjenige von Herrn Scheil ist ein unerlässlicher Teil der Wissenschaft.

Daher ist Stefan Scheil ein würdiger, ja herausragender Repräsentant der gesellschaftlichen Wirklichkeit des "Liberalen Systems" und dessen eigensten Produktes, der abwägenden und furchtlosen, alle Denkmöglichkeiten ernstnehmenden Wissenschaft.

Prof. Dr. Ernst Nolte, Berlin