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ERICH UND ERNA KRONAUER-STIFTUNG

SCHWEINFURT

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Tischrede Dr. habil. Friedrich Pohlmann  Druckansicht

Lieber Herr Kronauer, lieber Preisträger, liebe Freunde der Kronauer-Stiftung,

die Würdigung von Wissenschaftlern, die mit ihren Arbeiten zu neuen Einsichten in das "Zeitalter des Totalitarismus" in Europa verholfen haben, ist das Hauptanliegen der Erich und Erna Kronauer- Stiftung. Weil zu wirklich neuen Einsichten auf diesem thematischen Feld nur Forscher gelangen werden, die sich von den gerade hier mächtigen Vorgaben der politischen Korrektheit freigemacht haben und weil die Kronauer-Stiftung sich als deren Widerpart auch in ihrer Satzung explizit kenntlich gemacht hat, war unausbleiblich, dass irgendwann einmal eine Situation entstehen würde, wie wir sie anlässlich der diesjährigen Preisverleihung erleben mussten: Dass Wortführer der politischen Korrektheit mit lautstarken Protesten Preisträger und Stiftung in Misskredit zu bringen versuchen. Natürlich ist das unerfreulich, aber es sollte uns auch nicht allzusehr stören. Ich fasse das viel eher als eine Bestätigung für die Richtigkeit und Wichtigkeit des Hauptanliegens der Stiftung auf und möchte diese Ansicht durch eine kurze Skizze dessen, was politische Korrektheit eigentlich bedeutet, ausführen.

Politische Korrektheit ist ein ideologisches Instrument zur Herstellung von Meinungskonformität jenseits rechtlicher Regeln, allein durch informelle Normierungen, die das Spektrum des inhaltlich Gewünschten und Gestatteten genauso festzulegen trachten wie dessen sprachliche Form. Der Meinungskonformismus der politischen Korrektheit ist bei uns auf ganz unterschiedlichen, aber für die Zukunft unseres Landes und Europas gleichermaßen wichtigen Themenfeldern mächtig geworden; - bezüglich der Europäischen Union, der Einwanderungspolitik und der Geschlechterbeziehungen etwa, aber eben auch und ganz besonders bezüglich der Deutung der jüngeren Vergangenheit, der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Verteidigung der Deutungshegemonie auf diesem Feld ist ein zentraler Bestandteil der politischen Korrektheit, denn die Wahrnehmung der Vergangenheit ist konstitutiv für unser Selbstverständnis in der Gegenwart und für Weichenstellungen zur Gestaltung der Zukunft. Auf allen thematischen Feldern funktioniert die Durchsetzung politischer Korrektheit als ein Zusammenspiel von Akteuren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionsbereichen - den Massenmedien, der Politik und der Wissenschaft - also systemübergreifend. Dabei spielen sich in den Innenbereichen dieser Funktionssysteme weitgehend ähnliche informelle Kommunikations- und Sanktionsregelungen ein, die die Selbstzensur, den vorauseilenden Gehorsam und die Neigung zur wirklichkeits-verzerrenden Informationsselektion fördern und dadurch das Festhalten auch ganz offensichtlich falscher Behauptungen garantieren, Selbstimmunisierung auch gegen starke, von "außen" kommende kognitive Dissonanzen.

Hauptkennzeichen der politischen Korrektheit ist die Ersetzung oder zumindest Überlagerung der Leitdifferenz von "wahr/falsch", die dem Funktionssystem der Wissenschaft entstammt, durch die normative von "gut/böse", die nicht auf das sachliche Beurteilen eines Tatbestandes zielt, sondern auf die Bewertung gegenwärtiger oder vergangener Wirklichkeiten im Hinblick auf ein "Sollen". Durch diese Ersetzung, die, bei Eindringen in die Sphäre der Wissenschaft wissenschaftszerstörend wirkt, wird zwangsläufig in jede Argumentation das Gift der Moralisierung und Emotionalisierung eingespeist. Die Konstruktion simplifizierender Alternativen, Freund-/Feinddeklarationen und die Kultivierung von Empörungsritualen im Hinblick auf den als "böse" markierten Pol sind die Folge. Durch die Ersetzung des "wahr/falsch"- durch den "gut/böse"-Code fallen wie durch einen Zauberschlag von den kompliziertesten Sachverhalten alle Schalen der Komplexität ab: Die systematische Ausblendung und Tabuisierung all dessen, was der vorausgesetzten Dichotomie von "gut" und "böse" widerspricht, macht Gegenwart und Vergangenheit kinderleicht verstehbar, impliziert aber, dass Auseinandersetzungen mit den Propagandisten der politischen Korrektheit auf einer Sachebene, als argumentativer Diskurs, gar nicht möglich sind. Manche Autoren, auch der diesjährige Preisträger Stefan Scheil, haben das erfahren müssen. Ihr Bemühen, unleugbare, faktengestützte Zusammenhänge für sich sprechen zu lassen, interessierte im Orkan einer hysterisierten Pseudokritik keinen Deut, weil auf der Basis eines nicht durch die Leitdifferenz "wahr/unwahr", sondern "gut/böse" gesteuerten Denkens nicht erst manche Wertentscheidungen, sondern bereits spezifische Tatsachenbehauptungen und Fragestellungen in den Ruch des Bösen geraten und der Tabuisierung anheimfallen können. Die "gut/böse"-Leitdifferenz konkretisiert sich auf den unterschiedlichen Themenfeldern der politischen Korrektheit in einer Vielzahl bereichsspezifischer Gegenbegriffe mit entweder positiver oder negativer Konnotation, wobei für den Bereich der Geschichtsdeutung, insbesondere die Epoche der beiden Weltkriege, ein ganz undifferenzierter, quasi religiös aufgeladener Begriff der "deutschen Schuld" als unantastbare Negativkategorie mit allen Mitteln verteidigt wird. Deswegen werden wissenschaftlich korrekte Revisionen politisch korrekter Erzählmuster entweder heruntergespielt - wie im Falle der neueren Forschungen zum ersten Weltkrieg - oder wahlweise verschwiegen oder skandalisiert, wie im Falle des diesjährigen Preisträgers.

Die Skandalisierung ist die wichtigste Waffe der Verteidiger des Konformismus der politischen Korrektheit. Es geht bei Skandalisierungen von Verstößen gegen politisch korrekte gut/böse-Muster nie um argumentative Rationalität. Derartige Skandalisierungen sind massenmedial inszenierte ritualisierte Kampagnen, die an erster Stelle immer auf die Person des Abweichlers zielen, auf seine persönliche und soziale Integrität. Hat die Skandalisierung Erfolg, dann ziehen sich sukzessive immer mehr potentielle Unterstützer des Abweichlers zurück, und zuletzt ist öffentlich nur noch der einstimmige Chor der Empörten zu hören, die sich in machtvoller Selbstanfeuerung ihrer Zugehörigkeit zum Lager der Guten vergewissern. Die gelungene Skandalisierung ist das mächtigste Mittel zur Wiederherstellung von Konformität. Sie umzäunt das verletzte Gedankenterrain wieder so, dass jeder, der in seine Nähe gerät, zu besonderen Vorsichtsmaßregeln - wie im archaischen Tabu - gezwungen ist.

Man kann aber beobachten, dass seit geraumer Zeit der politischen Korrektheit immer mehr der Boden wegbricht, in allen Bereichen, auch in dem der Geschichtsdeutung. Die tendenziösen Angriffe in diesem Jahr werden nicht verhindern, dass die Kronauer-Stiftung dazu weiter ihren Teil beitragen wird.

Dr. habil. Friedrich Pohlmann